Alfur, Prinz von Erlendur (Teil 1)

 

Es war endlich Frühling geworden. Die Vögel zwitscherten munter am Waldrand und die Wiese auf den Klippen mit dem kleinen See war zum bunten Blumenmeer geworden. Ártali mochte den Frühling. Er mochte die Düfte und die Geräusche. Er glaubte zu hören, dass selbst die Wellen viel heiterer als sonst an die Klippen unter ihm klatschten. Er lag gerne in der Frühlingssonne und ließ sich von den Bienen umschwirren, die langsam aber sicher aus ihren Verstecken gekrochen kamen und die Wiesenblumen mit ihrer emsigen Summerei besuchten.

Seit er endlich fliegen konnte hatte er viele Erkundungsflüge in der Gegend unternommen. Sein Vater hatte ihm eingeschärft, niemals weiter als bis zum Waldrand zu fliegen und nicht zu weit aufs Meer hinaus. Ártali fand es sowieso am aufregendsten, an den Klippen entlang einige Meter über dem Meer zu fliegen, die Höhlen an den Steilwänden zu durchforschen und seine Runden über dem Wasser zu drehen.

Einmal hatte er geglaubt, im Wasser unter sich die Umrisse eines anderen Drachen zu erkennen. Aber der Schatten war genauso schnell wieder verschwunden, wie er gekommen war. Als er diese Beobachtung beiläufig beim Abendbrot erwähnte, verschwand sein Vater ohne jeglichen Kommentar in seinem Arbeitszimmer und schloss die Tür. „Er ist schon die ganze Zeit so schlecht gelaunt, sagte Ártalis Mutter nur achselzuckend. „Möchte noch jemand Drachenmus? Wie immer saß Silfri mit am Tisch.

Silfri war in den letzten Monaten ganz schön gewachsen. Ihre Beine waren muskulöser und ihr Hals kräftiger und länger geworden. Das gefiel Ártali. Er konnte jetzt mit ihr Wettrennen – oder besser Wettfliegen – veranstalten. Und Silfri wurde immer schneller.

Silfri schreckte immer noch nachts aus ihren Träumen auf. Wie immer schlief sie draußen, wenn die Temperaturen es zuließen. Ártali sah von seinem Fenster aus, wie sie ihren Kopf hob, wenn sie wieder einmal laut wiehernd erwachte. Sie schaute dann zu den Sternen auf. Und manchmal konnte Ártali ihre Tränen im Mondlicht glitzern sehen.

„Hast du wieder von Einhörnern geträumt, fragte Ártali dann immer am nächsten Morgen. Und Silfri erzählte dann von ihren Träumen. Sie sah zwei Einhörner in der letzten Zeit besonders oft. Erkannte sie in der Herde im Traum schon von weitem. Und sie fühlte sich geborgen und sicher, wenn sie in ihren Träumen in der Nähe von diesen besonderen Tieren war. Doch sie wurden immer wieder plötzlich wie von einem unsichtbaren Sog von ihr weggezogen, verschwanden ins Nichts – immer dann, wenn Silfri gerade mit ihnen zu sprechen versuchte. Alles um sie herum wurde dann dunkel, laut und sie konnte Feuer sehen, Explosionen hören. Das war immer der Moment, in dem sie schweißgebadet und wimmernd aufwachte. Und dann tat ihr die Stirn weh. An der Stelle, an der in ihren Träumen ein anmutiges Horn aus ihrem Kopf aufragte und im Mondlicht erstrahlte hämmerte ein stechender Schmerz. Manchmal hatte sie dann den ganzen Tag Kopfschmerzen. „Weißt du, hatte sie einmal zu Ártali gesagt, „das kommt wahrscheinlich daher, dass mir an der Schwelle vom Traum zur Wirklichkeit mein Horn abgerissen wird.!

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