• Alle Texte,  Geschichten

    Der Alchemist

    Die Kinder nannten ihn nur „Opa Cornelius“. Vor drei oder vier Jahren war der alte Mann, der sich so merkwürdig altmodisch kleidete, aufgetaucht und hatte sich ein kleines Häuschen am Stadtrand gekauft. Die Kinder in der Nachbarschaft beobachteten bei seinem Einzug, wie er viele merkwürdige Gerätschaften, Möbelstücke und Bilder in sein Haus schaffen ließ. Natürlich hatte Opa Cornelius die neugierigen Blicke der Kinder nicht übersehen – er hatte ihnen hinter seinem altmodischen Monokel zugezwinkert und sich nach einem Blick auf seine kupferfarbene Taschenuhr wieder daran gemacht, die Umzugshelfer zu dirigieren. Damals war es kurz vor Halloween gewesen – und so hatten die Kinder dann auch in der Geisternacht vor der…

  • Alle Texte,  Gedichte

    Dank des Narren

    Des Narren Dank ergeht an euch, wertes Lumpenpack, Gekreuch: Auf dass ihr weiter gern und oft, unverblümt und unverhofft recht viel Dummheit offenlegt – und so den Job des Narren pflegt, Steilvorlagen nett serviert, gnadenlos und ungeniert diese Welt ins Chaos reißt, auf des andren Meinung scheißt, euch benehmt wie Anuslöcher, unbelehrbar noch und nöcher euch in enge Kisten zwängt und andre in dieselben drängt, dabei stets mit ernster Miene auf der Verständnis-Heuchel-Schiene lügt und trügt und ignoriert, was in der Welt um euch passiert! Was wär der Narr nur ohne die, welche voller Idiotie, Unverstand und Penetranz, sonnend stets im eignen Glanz, den Blick vom Größenwahn verstellt, die Geschicke…

  • Alle Texte,  Gedanken,  Geschichten

    Das Mädchen und der Wolf

    Einmal hat das kleine Mädchen im Wald einen Wolf getroffen. „Bist du der große, böse Wolf?“ fragte es ängstlich. „Nein“, antwortete der Wolf. „Ich bin seine Gefährtin.“ „Wirst du mich auffressen?“ fragte das kleine Mädchen. Die Wölfin lachte: „Nein, ich habe heute schon gefressen. Außerdem essen wir keine Menschen. Wir fürchten die Menschen. Wir gehen ihnen lieber aus dem Weg.“ „Warum habt ihr Angst vor uns? Wir tun euch doch nichts!“ Das kleine Mädchen war neugierig. „Ihr tut uns nichts?“ Die Wölfin wurde ärgerlich. „Ihr habt uns beinahe ausgerottet, zerstört unsere Lebensräume, nehmt uns unsere Nahrung…“ „Aber ICH habe doch nichts davon getan!“ sagte das kleine Mädchen ängstlich. „Wirklich!“ „Aber…

  • Alle Texte,  Gedanken

    Ein deutsches Gespraech

    Es klingelt. Hoch oben auf der großen Eiche, im Haus des Zauberers geht die Türe auf. „Sie wünschen?“ fragt der Zauberer. „Guten Tag, mein Name ist Müller. Steuerfahndung. Darf ich reinkommen?“ Der kleine, etwas untersetzte Mann mit viel zu großer Brille und beginnender Glatze im schlecht sitzenden Discounteranzug und der selbst gebatikten Krawatte ist schon lange eingetreten, bis der Zauberer ein überraschtes „Ja, selbstverständlich!“ über die Lippen bekommt. Noch überrascht, aber dennoch höflich sagt er: „Nehmen Sie Platz. Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“ Herr Müller setzt sich wortlos mit durchgestrecktem Rücken an den Küchentisch, legt einen großen Stapel Papiere auf denselben und antwortet mit überraschend unangenehmer und hoher…

  • Alle Texte,  Geschichten

    Der Erbe des Königs

    Es waren dunkle Zeiten. In einer dunklen Welt. Das Königreich von Grünbergen befand sich kurz vor dem totalen Untergang. Seit beinahe zwei Jahrzehnten in einem Zustand des kalten Krieges mit den verhassten Nachbarn aus Kupfergrund und ohne Führer. Seit König Odomar bei der letzten großen Schlacht um Burg Sternenmond gestorben war ohne einen Nachfolger zu hinterlassen, kümmerte sich sein Statthalter Gundolf vom Schattenhain mehr schlecht als recht um das Königreich, aber umso mehr um die Vermehrung seines eigenen Vermögens. Vor Jahrhunderten einst waren beide Königreiche vereint gewesen zu einem großen, mächtigen Reich, in dem es den Menschen an nichts mangelte. Seit sich die Gebrüder Hornburg damals jedoch entzweiten und eine…

  • Alle Texte,  Gedanken

    Interview mit Prof. Dr. Ignatius W.

    Eine deutsche Großstadt. Ein Hotelzimmer der gehobenen Mittelklasse. Auf einem Sofa sitzt der Professor und stellt sich den Fragen der versammelten Pressegemeinschaft. Realistisch betrachtet hat sich nur ein Reporter eines drittklassigen Lokalblattes eingefunden. Alle anderen sind leider zeitgleich mit der Berichterstattung der Filmfestspiele beschäftigt und der Frage, die Namen welches Promipärchens man denn noch auf witzige Weise zu einem gemeinsamen Paarnamen zusammenfügen könnte. Da blieben bedauerlicher- und verständlicherweise keine Kapazitäten mehr, um dem Aufruf des Professors zu folgen, der laut eigener Aussage die Lösung gefunden hat. Reporter: „Herr Professor, Sie haben also die Lösung gefunden?!“ Professor: „Ja, das ist korrekt. Nach langen Jahren der Forschung und persönlichen Entbehrungen habe ich…

  • Alle Texte,  Gedichte

    Deine Welt stirbt

    Es ist so, dass deine Welt stirbt – ich muss dir das so sagen, auch wenn es deinen Plan verdirbt ist’s eine Frage nur von Tagen: Wir steuern auf den Abgrund hin mit Sieben-Meilen-Schritten. Wir sollten tief auf unsern Knien die Erde um Verzeihung bitten! Du meinst, dass all die Mega-Schlauen den Ansatz einer Lösung hätten? Du kannst nicht auf die andern bauen, nur du kannst deine Welt retten. Vergiss die Politiker-Affen, die deine Welt zum Ende führ’n – die Natur hat dich erschaffen, du kannst sie in dir spür’n! Zeit, dass man versteh‘n beginnt, dass nicht wer Bäume kuscheln geht nicht mehr richtig tickt und spinnt, weil er die…

  • Alle Texte,  Geschichten

    Schwarze Libelle

    Wenn Sie die enge Steintreppe unter der flackernden Neonreklame hinuntersteigen, auf die hölzerne Pforte zugehen und Ihnen die abgestandene Wärme schon entgegen strömt, wenn Sie am Eingang dann an Lowell, dem blassen Türsteher mit den stechenden schwarzen Augen vorbeigehen, in den kleinen runden Saal eintreten und den Duft von Zigaretten und Schweiß inhalieren, dann suchen Sie sich besser einen Platz in der Nähe der Tür – denn viele gingen schon hinein, doch nicht alle kamen wieder heraus. „Willkommen in der Schwarzen Libelle“… Ich hatte von diesem merkwürdigen Nachtclub namens „Schwarze Libelle“ gehört, doch geglaubt hatte ich die Geschichten, die sich um dieses kleine Hinterhof-Etablissement rankten, noch nie. Bis zu diesem…

  • Alle Texte,  Gedichte

    Ich schenk euch ein Geheimnis

    Alle Mythen sind Geschichte, Legenden längst zunichte, das Kollektiv scheint kalt und leer – die Welt trägt kein Geheimnis mehr.   Als Opfer der Entzauberung und Träumerei-Verweigerung, wird Wissenssucht zur Übermacht, der Mensch aus Glas bei Tag und Nacht.   Doch wer verleiht Gedanken Flügel, sprengt der Normen Zaum und Zügel, lässt euch vor Freude tanzen und Tagtraumblumen pflanzen?   Ich geb euch ein Geheimnis mit, das wie Seelendynamit, in eurem Kopf die Schranken und staubige  Gedanken allesamt ins Nichts verdrängt und eure Geistes-Ketten sprengt!   Ich schenk euch ein Geheimnis, still euer Seelen-Grund-Bedürfnis, geb euch Mythen und Geschichten, wovon in Versen und Gedichten der Barde Lieder singt und euch…

  • Alle Texte,  Geschichten

    Der Elfenbaum

    Irgendwo auf einer einsamen Landstraße riss ihn ein schriller Schrei aus seinen Gedanken. Doch es gab keine Möglichkeit mehr, zu reagieren. Es war zu spät. Seit dem Unfalltod seiner Frau hatte sich sein Leben grundlegend verändert. Geschlafen hatte er seit Tagen nicht. Zur Arbeit war er seither nicht mehr gegangen. Doch das schien keinen zu stören. Man gönnte ihm wohl einige Tage der Ruhe. Sein Gehirn spielte verrückt – wollte ihm die Erinnerung an die Stunden nach der Unfallnacht nicht preisgeben. Er konnte sich nicht an die Sanitäter erinnern, nicht an das Krankenhaus, nicht an den Moment, in dem er realisierte, dass der  wichtigste Mensch in seinem Leben aus demselben…