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Der Elfenbaum

Irgendwo auf einer einsamen Landstraße riss ihn ein schriller Schrei aus seinen Gedanken. Doch es gab keine Möglichkeit mehr, zu reagieren. Es war zu spät.

Seit dem Unfalltod seiner Frau hatte sich sein Leben grundlegend verändert. Geschlafen hatte er seit Tagen nicht. Zur Arbeit war er seither nicht mehr gegangen. Doch das schien keinen zu stören. Man gönnte ihm wohl einige Tage der Ruhe.

Sein Gehirn spielte verrückt – wollte ihm die Erinnerung an die Stunden nach der Unfallnacht nicht preisgeben. Er konnte sich nicht an die Sanitäter erinnern, nicht an das Krankenhaus, nicht an den Moment, in dem er realisierte, dass der  wichtigste Mensch in seinem Leben aus demselben gerissen worden war.
Innerhalb einer Sekunde war es geschehen, als ein übermüdeter Fahrer auf die Gegenspur abgekommen und frontal mit ihm zusammengestoßen war.
Seit diesem Tag fühlte sich sein Leben dumpf an. Wie in einem Traum, aus dem es kein Erwachen gab. Er ging die Wege spazieren, die er mit ihr gegangen war. Um sich abzulenken. Oder um sich zu quälen. Das wusste er selbst nicht genau. Die Leute, die er traf, ignorierten ihn. Ob sie nicht wussten, was sie sagen sollten oder ob es sie einfach nicht interessierte – es war ihm egal.
Seine Gedanken drehten sich. Halluzinationen plagten ihn. Ob wegen der Schlaflosigkeit oder wegen des Traumas – auch das war ihm egal. Er begrüßte die Halluzinationen, sie lenkten ihn ab.
Am liebsten sah er die Lichter bei der alten Eiche, in der Abenddämmerung. Da schwebten sie, die kleinen Lichter, schwerelos um diesen vollkommenen Baum. Ein Baum wie gemalt, vom kurzen, kräftigen Stamm bis zur gewaltigen Krone mit ihrem dichten, sattgrünen Blattwerk. Er mochte diesen Baum schon immer – die Lichter hatte er früher nicht gesehen.

An einem Abend, als die Lichter besonders hell leuchteten, fasste er sich ein Herz und ging über die Wiese auf die alte Eiche zu, um sich die Lichter einmal aus der Nähe anzusehen.
Je näher er kam, desto heller strahlten die Lichter. Als er so nahe heran war, dass er beinahe mit den Händen danach greifen konnte, hielten die Lichter inne, blieben in der Luft stehen, um im nächsten Moment zu erlöschen, zu verschwinden. Schade. Halluzinationen. Was sonst. Hirngespinste kann man schließlich nicht greifen.
Er nahm eine Bewegung hoch oben im Baum wahr. Die Lichter waren nicht verschwunden, sie hatten sich in den schützenden Wipfel des Baumes zurückgezogen. Bewegten sich kaum, als warteten sie, als beobachteten sie. Was soll‘s, dachte er. Und wenn ich mir den Hals breche, soll es mir recht sein. Er begann damit, in den Baum zu klettern.
Mit jedem Schritt fühlte er sich leichter. Warum klettern Erwachsene nicht öfter auf Bäume? Es ist wunderschön. Leicht, beinahe federleicht erreichte er die Mitte des Baumes. Über ihm die vielen Lichter, die seine Ankunft erwarteten.
Nur noch wenige Äste bis zum Wipfel. Doch die Äste wurden dünner, würden ihn nicht bis ganz nach oben tragen. Er setze sich auf die Stelle, an der ein dicker Ast dem Stamm entsprang. Ruhte sich aus, wischte sich den Schweiß von der Stirn.
Erst jetzt bemerkte er, dass Bewegung in die Lichter gekommen war. Sie schwebten langsam und bedächtig nach unten, auf ihn zu.
Eines der Lichter kam nahe, sehr nahe an ihn heran. Schwebte unbeweglich vor seinem Gesicht. Er streckte seine Hand aus, wollte es berühren. In diesem Moment erlosch es. An seiner statt konnte er in der Abenddämmerung die Umrisse eines Wesens erkennen. Eines kleinen Wesens, das vor ihm unbeweglich in der Luft schwebte.
Seine Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit. Er sah ein Gesicht. Menschlich und zugleich so gar nicht menschlich. Freundliche Augen, eine große Nase, ein Lächeln auf den Mundwinkeln. Wildes, weißes Haar. Graue Haut. Mit einem leichten Schimmern. Ein Gewand aus Blättern bedeckte den kleinen Körper.
Ungläubig streckte er die Hand weiter aus und das Wesen landete federleicht auf seiner ausgestreckten Handfläche. Da stand tatsächlich ein kleines Fabelwesen auf seiner Hand. Eine faszinierende Halluzination. Geradezu grandios.
Im nächsten Moment erwachte er, noch immer hoch oben in der alten Eiche sitzend, als sich die Morgensonne durch die Blätter stahl und seine Nase kitzelte. Vor Schreck wäre er beinahe in die Tiefe gefallen – mit Mühe konnte er das Gleichgewicht halten, schüttelte sich den Schlaf aus dem hochgradig verspannten Körper und begann mit dem Abstieg.
Keine Lichter, keine Wesen waren zu sehen. Welch merkwürdiger Abend, welch merkwürdige Nacht. Doch eines war sicher – er würde heute Abend wieder kommen. Herausfinden, ob die Wesen wirklich existierten oder nur seinem gebeutelten Geist entsprangen. Oder machte das etwa gar keinen Unterschied?

Viele Stunden später war er wieder auf dem Weg zu diesem höchst eigenartigen Ort – schon von weitem sah er die Lichter tanzen. Und wieder zogen sie sich in den Wipfel zurück, als er näher kam. Er hatte es erwartet – das Klettern gelang ihm wieder ohne Mühe.
Auf dem Ast hoch oben setzte er sich wieder nieder und sah zu den Lichtern auf, die langsam zu ihm herab schwebten. Und wieder kam eines der Lichter besonders nah heran, erlosch, gab den Blick auf das Wesen frei, das sanft auf seiner Hand landete.
Lange sah er es an, wagte kaum zu atmen. Das Wesen sah auch ihn an. Ruhig und abwartend.
„Ha… Hallo!“ konnte er endlich mehr flüsternd als sprechend über die Lippen bringen. Das Wesen senkte kurz den Blick und deutete ein Nicken an. Es grüßte zurück.
„Wer bist du?“ flüsterte er. Das Wesen sah nach oben und deutete mit einer ausschweifenden Geste auf die anderen Lichter.
„Entschuldige – wer seid ihr? Ist es so richtig?“ Das Wesen nickte. Es hielt kurz inne, als überlege es, ob es das tun sollte, was es beabsichtigte, zu tun. Dann tippte es sich mit einem seiner dünnen Finger an die Stirn und näherte sich langsam mit ausgestrecktem Finger dem gespannten Menschengesicht gegenüber. Es kam ganz nahe heran, berührte schließlich die kleine Stelle zwischen den Augenbrauen.
In diesem Moment ging ein Zucken durch seinen gesamten Körper – er sah ein grelles Licht, fühlte, wie er in eine unendliche Weite gerissen wurde, konnte aber nichts erkennen, nur helles, weißes Licht. Plötzlich fühlte es sich an, als schwebe sein Körper nach unten in eine unbekannte Tiefe. Das weiße Licht wurde schwächer, er begann, Umrisse wahrzunehmen. Sah Blätter und Äste und schlug hart auf – auf dem Ast, welchen er wohl in Wirklichkeit keine Sekunde verlassen hatte. Er sah noch, wie ein Rest weißen Lichtes in den Körper des kleinen Wesens gesogen wurde und erlosch.
Er rang kurz nach Atem.
„Was war das?“ keuchte er.
„Verzeih – ich musste mich mit deinem Verstand verbinden, sonst würdest du unsere Sprache nicht verstehen“, plapperte das kleine Wesen mit dünner Stimme.
„Ich bin ein Elf – wir sind alle Elfen.“ Wieder zeigte er mit theatralischer Geste zu den Lichtern in den Ästen über ihnen.
Er gab ein kleines Zeichen mit seiner Hand und die Lichter begannen, gleichmäßig herab zu sinken. Eines nach dem anderen blieb ganz in der Nähe in der Luft stehen und eines nach dem anderen erlosch langsam und ein Elf nach dem anderen wurde sichtbar.
Er konnte viele kleine Gesichter erkennen – fröhliche Gesichter, ernste Gesichter, grimmige Gesichter. Und ein wirklich traurig dreinblickendes Gesicht, das zu einem besonders dünnen und blassen Elf gehörte. Dieser war weiter weg geblieben als alle anderen und saß dort mit hängenden Schultern auf einem Ast. Er hielt eine winzige Laterne in der schwachen Hand, die ein kleines, blasses Licht ausstrahlte.
„Und – naja, warum… Also, was macht ihr so? Hier? In diesem Baum?“
„Wir leben hier, natürlich. Was sollen wir denn sonst hier tun? Schon seit Jahrhunderten dient dieser Baum mir und meinen Brüdern als Unterschlupf.“
„Das… Das kann aber nicht sein… Oder wie kommt es, dass ich euch noch nie vorher gesehen habe?“
„Immer langsam. Ich bin bereit, dir alles zu erzählen. Aber nicht mehr heute. Für heute ist genug geschehen. Du brauchst erst noch viel Schlaf. Aber diesmal nicht in diesem Baum. Geh nach Hause und komm morgen Abend wieder.“

Nach einer traumlosen Nacht in tiefem Schlaf und einem Tag wie hinter Nebelschleiern, jedoch erfüllt von Vorfreude und Spannung auf den Abend machte er sich auf den Weg zum Elfenbaum. Er kletterte in seinen Wipfel, sah zu, wie die Elfen zu ihm herabschwebten, wie sich der ihm schon bekannte Elf vor ihn auf den Ast setzte und zu erzählen begann.
„Du hast uns noch nie gesehen, weil es bisher nicht nötig war. Du musst wissen, wir wurden hier in eure Welt geschickt mit einer Aufgabe. Jeder von uns hat eine andere Aufgabe. Wir helfen den Menschen, die sich nicht mehr selbst helfen können.“ Er machte eine Pause.
„Aha – ihr helft also den Hilflosen. Keine Ahnung, was du damit meinst!“
Der kleine Elf lächelte. „Nun, es ist nicht vorgesehen, dass du alles verstehst. Unsere Wirklichkeit ist eine andere als eure. Wir leben in einer Welt parallel zu eurer Welt. Wir können heute hier und morgen dort – oder auch morgen hier und heute dort sein. Oder beides gleichzeitig. Wo wir gebraucht werden sind wir zur Stelle.
Doch wir erscheinen nur den Menschen, die sich uns öffnen, die einen freien Geist haben, frei für die andere Wirklichkeit.“
Wieder eine bedeutungsvolle Pause. „Wir alle haben eine bestimmte Aufgabe. Er dort“, der kleine Elf zeigte auf einen besonders fröhlichen Zeitgenossen, der in ständiger Bewegung und mit breitem Grinsen zwischen den Blättern auf und ab schwebte, „er macht die Menschen fröhlich. Sein Lachen steckt an. Und er“, sein Finger zeigte in Richtung eines grimmigen kleinen Elfs, „er macht die Menschen wütend. Auch das kann den Menschen helfen. Denn Wut ist eine wichtige Emotion. Manche Menschen sind emotionslos geworden, fressen Wut und Schmerz in sich hinein, der sie innerlich zermürbt und zerstört.“
Er machte eine weitere Pause. „Und ich – ja ich zum Beispiel verhelfe den Ruhe- und Rastlosen zu einem erholsamen Nachtschlaf.  Und den wirst du auch heute Nacht wieder bekommen, denn die letzten Tage haben dich verstört, du findest sonst keine Ruhe in dir.“
Er wollte noch fragen, welche Aufgabe der traurige, blasse Elf denn hatte, der heute noch trauriger und blasser ausgesehen hatte und dessen Laterne heute noch weniger geleuchtet hatte als gestern.
Doch er kam nicht mehr dazu, denn die Elfen zogen sich zurück, flogen als kleine Lichter den Baum hinauf. Müdigkeit übermannte ihn und er kletterte mit schwindenden Kräften den Baum hinab, um sich einer weiteren traumlosen Nacht hinzugeben.

In der nächsten Nacht, als er auf seinem Ast saß und die Ankunft der Elfen beobachtete, fühlte er sich schwach. Trotz des regelmäßigen Schlafs fühlte er eine große Leere in sich.
„Habt ihr auch einen, der den Menschen hilft, mit großer innerer Leere umzugehen?“
„Nein. So einen haben wir nicht. Die Leere kannst nur du selbst füllen. Wir haben jemanden, der dir dabei helfen kann, schlimme Dinge zu vergessen. Doch das wird dir nicht helfen, denn dein schlimmstes Erlebnis ist untrennbar mit einem geliebten Menschen verbunden – und wir können dir nicht die eine Erinnerung nehmen und die andere in deinem Kopf belassen. Möchtest du wirklich die Erinnerung an deine Frau zusammen mit der Erinnerung an ihren Verlust verlieren?“
Er schüttelte den Kopf. So ganz hatte er es nicht verstanden. Aber was hatte er auch erwartet. Es war ja schließlich nicht vorgesehen, dass er alles verstand. Er seufzte.
„Ich fühle mich schwach.“
„Ich weiß. Es ist eine schwere Zeit für dich. Dein Körper wird zwar durch den Schlaf gestärkt, den wir dir schenken. Doch dein Geist hat keine Lust, in einem starken Körper zu wohnen, denn er fühlt sich nicht bereit dafür. Er möchte noch trauern. Und dein Geist wird immer stärker als dein Körper sein. Daher kann ich wohl auf Dauer nichts für dich tun.“
Er machte eine seiner Pausen. „Doch ich wurde schließlich auch nicht ausgewählt, dir zu helfen.“
„Wurdest du nicht? Warum hast du es dann getan?“
„Wir hatten gehofft, dass wir dir anders helfen können. Dass wir die eigentliche Aufgabe nicht erfüllen müssten. Wir haben uns leider getäuscht.“
Wieder diese Pause. Der Kopf des Elfen wandte sich ein wenig zur Seite. Die versammelte Elfenschar teilte sich in der Mitte und gab den Blick frei auf den traurigen, blassen Elfen mit der Laterne, aus der heute nur noch ein sehr kleiner Schein, mehr Glimmen als Licht, hervordrang.
Der Elf mit der Laterne kam langsam heran geschwebt. Ganz nahe. Er hob die Laterne mit dem rechten Arm in die Höhe, streckte die linke Hand aus und sagte leise:
„Komm, es wird Zeit. Dein Licht leuchtet nicht mehr lange. Ich zeige dir den Weg, damit du dich nicht verirrst. Das ist meine Aufgabe. Ich zeige den Seelen den Weg in die Ewigkeit. Lass uns gehen.“
Und nach einer kleinen Pause flüsterte er mit dem Anflug eines gütigen Lächelns auf dem sonst so traurigen Gesicht: „Sie erwartet dich bereits.“

Irgendwo auf einer kleinen Intensivstation riss ein schriller Ton die Nachtschwester aus ihrem Dämmerschlaf.

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