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Der Flötenspieler

„Und in diesem steinernen Sarg liegen die Überreste jenes geheimnisvollen Mannes, dessen Identität man bis heute nicht zweifelsfrei feststellen konnte und welche man zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei Grabungen in den ehemaligen Katakomben dieses Klosters zu Tage befördert hat. Geheimnisvoll ist dieser namenlose Ritter, weil er mit seinen 1,78 Meter Körpergröße, dem beinahe makellosen Gebiss und einem geschätzten Alter von 75 Jahren für damalige Verhältnisse über beinahe magische Kräfte verfügt haben muss. Ob man ihn wohl als Gott verehrt, als Hexer verfolgt oder als Dämon gefürchtet hat? Außerdem trug er etwas bei sich, das ihn mit einer alten Legende in Verbindung bringt, die ich Euch, werte Schaulustige, sogleich zu erzählen gewillt bin… So folgt mir in den nächsten Raum!“
Der in mittelalterliche Gewänder gehüllte Museumsführer schritt voran und öffnete eine große hölzerne Tür, die in den nächsten Ausstellungsraum des Klostermuseums führte. Heute fanden den ganzen Tag Sonderführungen im Rahmen des alljährlichen mittelalterlichen Spektakulums statt, zu dem wieder tausende Mittelalter- und Fantasy-Begeisterte aus allen Himmelsrichtungen und teils von weither angereist waren.
Leander Bergmann hatte bereits zum fünften Mal in Folge die zweistündige Autofahrt auf sich genommen, um dieses Spektakel zu erleben. Die Klosterführung machte er jedoch zum ersten Male mit – hauptsächlich aufgrund des miserablen Wetters in diesem Jahr. Seit Tagen regnete es in Strömen, das Thermometer fiel und fiel, und der dunkle Himmel kündigte ein mächtiges Gewitter an. Da war er in den warmen Museumsräumen bis zur Abenddämmerung besser aufgehoben.
Denn zur Dämmerung würde er sie wieder treffen. Zumindest hoffte er, dass sie ihr Versprechen wie all die Jahre zuvor wieder wahr machen würde und neben der Schänke zum „Rostigen Ritter“ auf ihn warten würde, sobald die Sonne untergegangen war. Annemie, die Magd des Grafen. So nannte sie sich hier in dieser Parallelwelt.

„Seht her: die Flöte des namenlosen Ritters. Ist es gar die Flöte des grausamen Flötenspielers, der vor vielen hundert Jahren ebenso viele Jungfrauen entführt und gemeuchelt haben soll?“
Der Museumsführer hatte Leander aus seinen Gedanken gerissen. Die kleine Gruppe hatte sich um eine kleine Glasvitrine versammelt, in der eine verschlissene Flöte aus dunklem Holz mit kunstvollen Schnitzereien ausgestellt war.
„Schaut euch die Flöte genau an, werte Leut‘ – sie trägt die geschnitzten Initialen „L“ und „G“. Wer war dieser LG wohl? War er Ludwig der Grausame, Leowin der Göttliche oder gar Lorenzo Genitalio?“
In Erwartung allgemeinen heiteren Lachens machte er eine Pause in seinem Vortrag, in die sich aber nur das ein oder andere Räuspern drängte. Nein, Spaß machte es wohl nicht, diese leicht desinteressierte Gruppe durchnässter Gestalten durch das Museum zu führen.
„LG – Leander, der Große“, dachte Leander Bergmann bei sich. So nannte er sich, sobald er seine eigens dafür geschneiderten Gewänder anlegte und sich in einen Edelmann aus der Zeit des frühen Spätmittelalters verwandelte und die Märkte und Spektakel im sogenannten Reenactment-Bereich unsicher machte.
Mit seiner großen Liebe Elisa hatte er immer großen Spaß an diesen Märkten gehabt. Nach der Trennung hatte es einige Jahre gedauert, bis er sich überhaupt wieder auf eine solche Veranstaltung getraut hatte. Und prompt war er Annemie begegnet. Durch puren Zufall war er mehr oder weniger in sie hineingestolpert, als er im Besucherstrom angerempelt und beinahe in die Außenwand des Zeltes vom „Rostigen Ritter“ gestoßen worden war. Hier hatte Annemie im Schatten gestanden und die vorüberziehenden Menschen beobachtet.
Leander Bergmann war weder groß, noch hatte er je etwas großes vollbracht. Doch genau das war das Schöne an diesen Events; hier konnte man alles sein. Hier spielten sozialer Status, Einkommen, Ausbildung und all der andere Kram der sogenannten Zivilisation keine Rolle. Für einige Stunden oder ein ganzes Wochenende konnte er sein, wer auch immer er sein wollte. Und er wollte Leander, der Große sein.

„Der Flötenspieler soll in schwarzem Gewand, mit weiter Kapuze und einer ausdruckslosen, weißen Maske durch die Lande gezogen sein. Dabei soll er stets eine unheimliche Melodie auf seiner Flöte gespielt und die Jungfrauen von den Höfen der Gegend entführt haben. Sie kehrten nie zurück und wurden nie wieder gesehen… die Jungfrauen. Nur manchmal soll man in hellen Vollmondnächten auf den heimgesuchten Höfen die schaurigen Schreie der verschwundenen Mädchen vernommen haben, gemischt mit den leisen Klängen einer unheimlichen Flötenmelodie!“
Die Stimme des Museumsführers war zu einem Flüstern geworden und der Himmel meinte es gut mit ihm, denn in diesem Moment brach draußen das Gewitter los und kleidete seine Worte in eine beinahe theatralische Inszenierung.
„In Vollmondnächten wie dieser übrigens. Denn heute Abend wird wieder ein Vollmond aufziehen und sein fahles Licht über unser Kloster schicken, wie in jedem Jahr zu dieser Zeit. Ob ihr, werte Leut, wohl heute Nacht die Schreie der verschwundenen Mädchen hören könnt? Vorausgesetzt natürlich, ihr sauft euch zuvor nicht das letzte bisschen Verstand mit dem gepanschten Met des Rostigen Ritters aus der Rübe…“
Endlich erntete er einige Lacher und zustimmendes Gegröle der drei sichtlich angeheiterten Jungs in ihren martialischen, plastikbewehrten Rollenspieler-Outfits.
Das Klosterfest wurde tatsächlich jedes Jahr am Vollmond ausgerichtet. Eine Gewohnheit, die auf eine jahrhundertealte Tradition zurück ging. In den Büchern des Klosters konnte man nachlesen, dass genau zu diesem Zeitpunkt eines jeden Jahres die damals ansässigen Mönche ein mehrtägiges Fest feierten, an dem sie ihre heiligen Regeln über Bord warfen und sich hemmungslos den Freuden des Irdischen hingaben. Es dauerte stets von Donnerstag bis Montag, damals wie heute. Heute bedeutete dies ein extra langes Wochenende voller Schaukämpfe, Festumzügen, Konzerten, Feuershows und zu Wucherpreisen feilgebotenem Tand. Und es gelang stets, das Wochenende so auszuwählen, dass an einem der Festtage der Vollmond in seiner ganzen Pracht über dem Gelände erstrahlte. Dieses Licht tauchte dann nach Einbruch der Dunkelheit den Markt rund um das Kloster, die Lagerplätze der darstellenden Gruppen, den großen Konzertbereich weiter unten und den idyllisch gelegenen Zeltplatz für die besonders Hartgesottenen in ein einmalig geheimnisvolles Ambiente. Und wenn alle Händler, Gaukler und Wirte dann ihre Buden und Zelte mit Kerzen, Fackeln und Lagerfeuern erleuchteten, konnte man fast vergessen, in welchem Jahrhundert man sich befand.
Vergessen konnte Leander die erste Begegnung mit Annemie dagegen niemals. Nachdem er sie angerempelt und sich tausendmal dafür entschuldigt hatte, hatte er ihr tief in die Augen gesehen – und im selben Moment war es um ihn geschehen gewesen. Das erste Mal seit vielen Jahren der Einsamkeit hatte er sich sofort zu einer Frau hingezogen gefühlt. An seine gestotterten Worte konnte er sich, möglicherweise zum Glück, nicht mehr erinnern. Doch an das Lachen, in das Annemie ausgebrochen war, als er da nervös stotternd und desorientiert vor ihr gestanden hatte, konnte er sich lebhaft erinnern. Als auch er hatte lachen müssen, war alles weitere wie von selbst geschehen.
Mit zwei großen Krügen Honigwein und zwei großen Fleischspießen hatten sie sich auf einen Baumstamm am Rand des Geländes gesetzt und den Mond und die Sterne betrachtet und geredet. Sie hatten kein Wort über ihre echten Namen verloren, kein Wort über Beruf, Familienstand, Alter, Wohnort oder sonstige Details aus ihrem realen Leben. Sie hatten über Wünsche, Träume und Hoffnungen philosophiert, sich Geschichten aus ihren erfundenen Lebensläufen erzählt, hatten sich schweigend im Arm gehalten und wären beinahe eingeschlafen… Annemie hatte ihm einen zärtlichen Kuss auf die Wange gegeben, als sie kurz vor Mitternacht aufgebrochen war und „Bis morgen – selbe Zeit, selber Ort… Folge mir nicht!“ geflüstert hatte.
Leander hatte die restliche Nacht auf dem Baumstamm sitzend verbracht und war erst am Morgen in die kleine Pension geschwankt, in der er ein Zimmer für einige Tage gemietet hatte. Am Nachmittag war er dann wieder auf das Marktgelände gegangen und hatte nach Annemie Ausschau gehalten. Er hatte auch begonnen, nach ihr zu fragen – bei den Lagerplätzen der Rittergruppen, bei den Händlern und Gauklern. Niemand hatte sie gesehen und er hatte es mit der Angst zu tun bekommen, womöglich alles nur geträumt zu haben. Die Zeit bis zum Abend war sehr langsam und wie im Fieberwahn vergangen. Doch als die Sonne endlich untergegangen war, hatte Annemie wieder auf ihn gewartet, dort im Schatten neben der Schänke zum „Rostigen Ritter“.
Und wieder hatten sie eine wunderbare Nacht miteinander verbracht. Bis sich Annemie kurz vor Mitternacht wieder mit den Worten: „Folge mir nicht!“ verabschiedet hatte. Genau so wie am Abend zuvor, am Abend danach und an allen weiteren gemeinsamen Abenden, die in den Folgejahren noch gekommen waren. Das war Teil des Spiels. Ein Spiel, das sie nur auf diesem Festival spielten. Leander hatte Annemie kein einziges Mal im „echten“ Leben getroffen.

Ein Räuspern ließ ihn aus seinen Gedanken aufschrecken. Er verließ gerade mit den anderen der Gruppe das Museum und der Museumsführer stand mit ausgestreckter Hand neben der Ausgangstür. Die Führung war kostenlos gewesen, ein Trinkgeld wurde wohl erwartet. Leander kramte in seinem Lederbeutel, den er an seinem schweren Gürtel trug und bedankte sich mit einer tiefen Verbeugung und einem „Silbertaler“ für eine halbe Stunde Wärme und Trockenheit, bevor er wieder hinaustrat in den strömenden Regen. Er zog sich die Kapuze seines Umhangs über den Kopf und ging schnellen Schrittes über das weitläufige Gelände in Richtung des „Rostigen Ritters“.
Im Innern des Zeltes war es voll, die Menschen saßen dichtgedrängt auf den Bänken, dazu standen auf jedem freien Fleck noch weitere Besucher und auch vor dem Zelt hatten sich bereits einige versammelt und suchten unter dem schmalen Umlauf rund um das Zeltdach Schutz vor dem Regen. Hier hatte er sich die Jahre zuvor immer mit Annemie getroffen. Heute aber war es hier so voll, dass er befürchtete, sie würden sich verpassen. Noch war die Sonne nicht untergegangen, obgleich es bereits dämmerte, weil die dichte Wolkendecke kaum einen Lichtstrahl durchließ.
Er erkämpfte sich im Innern des Zeltes einen Weg zur Theke, bestellte zwei Krüge Met, bezahlte und kämpfte sich zurück nach draußen. Er schaute sich um. Neben dem Zelt führte ein schmaler Gang zwischen zwei Klostergebäuden hindurch, bis zu einer hohen Wand. Sackgasse. An der Gebäudemauer auf der linken Seite führten aber kurz vor dem Ende der Gasse noch drei Treppenstufen hinab, die vor einer geschlossenen Kellertüre endeten. Hier gab es einen kleinen, trockenen Unterstand unter dem Türstock. Er drückte sich in die kleine Nische und wartete. Regen, Kälte und Wind machten ihm nichts aus. Zu groß waren seine Vorfreude, seine Neugier und seine Angst. Die Angst vor dem ersten Abend. Es war wieder ein ganzes Jahr seit ihrem letzten Treffen vergangen. Ein Jahr, in dem viel passiert sein konnte. War Annemie noch immer interessiert an ihrem gemeinsamen Spielchen? Würde sie wieder auf ihn warten?
Wenige Minuten später wurde es dunkel. Noch immer mit zwei vollen Metkrügen bewaffnet stapfte Leander die Treppenstufen hinauf und ging den schmalen Gang entlang in Richtung Marktgelände. Er hielt inne, als er beinahe am Ende der Gasse angekommen war. Ein Geräusch hinter ihm machte ihn stutzig, doch noch ehe er sich umdrehen konnte legte sich eine Hand auf seine Schulter. Eine Hand, die er unter tausenden erkannt hätte. Der Duft ihres wallenden, roten Haares wehte um seine Nase und ihre Stimme ließ ihn innerlich erstrahlen als sie sagte: „Seid gegrüßt, edler Herr!“

Die folgenden Tage und Nächte waren wieder erfüllt von einem Gefühl der Freude, des Glücks und einer unerklärlichen Geborgenheit. Sogar das Wetter änderte sich ein wenig und ab und an mischten sich einige Sonnenstrahlen in die Regenpausen. Doch etwas anderes veränderte sich leider ebenfalls. Leander und Annemie schwiegen öfter. Es wurde schwer, sich neues zu erzählen, ohne zu viel vom wahren Leben preiszugeben. Leander begann, sich das erste Mal zu fragen, wie lange sie dieses Spiel wohl noch würden spielen können. Und was wohl passieren würde, wenn sie sich im wahren Leben begegnen würden. Was würden sie sich zu sagen haben?
Es war Sonntagnacht, die letzte gemeinsame Nacht für dieses Jahr und die Geisterstunde rückte näher. Annemie hatte sich fest an ihn gedrückt und er hörte sie leise seufzen. Sie löste eine kleine silberne Brosche von ihrer Bluse und drückte sie ihm in die Hand, während sie sagte: „Wir sehen uns im nächsten Jahr. Selbe Zeit, selber Ort!“
Sie stand auf und ging. Leander streckte seine Hand nach ihr aus, doch er konnte sie nicht mehr erreichen. Schnell hatte sie die wenigen Schritte bis zum Marktgelände zurückgelegt und begann, mit dem Strom der anderen gewandeten Besucher zu verschwimmen. Leander saß kurze Zeit in sich gekehrt auf dem Baumstamm, der sich in den letzten Jahren ebenfalls merklich verändert hatte. Er war an einigen Stellen morsch geworden und begann, zu zerfallen.
Und nicht nur der Baumstamm, das Wetter und die Gespräche hatten sich verändert. Auch dieser Abschied war anders als die anderen Abschiede davor. Ein Satz ging Leander durch den Kopf, wieder und wieder eindringlich vorgetragen von seiner eigenen, inneren Stimme:
„Geh ihr jetzt nach oder du verlierst sie für immer. Jetzt oder nie!“
Die Erkenntnis traf ihn im selben Augenblick, als ein greller Blitz ohne Vorwarnung die Szenerie in taghelles Licht tauchte und die Menschen für einen Moment atemlos in dem Wissen verharren ließ, dass in wenigen Sekunden der Lärm eines gewaltigen Donners ihre Welt erschüttern würde. Leander hörte diesen Donner jedoch nicht. Er bemerkte auch nicht, wie es wieder heftig zu regnen und zu stürmen begann. Er rannte. Die Erkenntnis, die ihn getroffen hatte, verlieh ihm Siebenmeilenstiefel.
Annemie hatte es nicht gesagt.
Dieses Mal hatte sie es nicht gesagt.
„Folge mir nicht!“

Leander hatte das Marktgelände erreicht, lief am Rande des Weges und versuchte, nicht allzu viele Menschen anzurempeln in seinem verzweifelten Bestreben, Annemie einzuholen. Er sah sie nicht mehr, doch er wusste, wo sie hingegangen war. Am „Rostigen Ritter“ war sie am Donnerstag plötzlich hinter ihm aufgetaucht. Dort in der dunkeln Gasse. Ob sie zum Personal des Festivals gehörte? Zum „Rostigen Ritter“? Oder zu einer der teilnehmenden Rittergruppen? Hatte sie Zugang zum Keller des Klostergebäudes und war aus der Kellertüre gekommen? Hatte sie immer Dienst bis zur Dämmerung gehabt und konnte deshalb nicht früher da sein? Oder begann ihr Dienst um Mitternacht und sie musste deshalb pünktlich zurück sein? War das alles so banal? Kein mysteriöses Geheimnis? Keine Magie? Die Fragen überschlugen sich in seinem Kopf.
Er hatte die kleine Gasse neben dem „Rostigen Ritter“ erreicht. Und er war sicher, dass Annemie hier vor kurzen Augenblicken durchgegangen war. Er konnte ihren Duft noch immer wahrnehmen. Er ging schnellen Schrittes in den schmalen Gang. Seine Schritte hallten an den Mauern wider. Der Regen hatte seine Gewänder ein weiteres Mal bis auf die Haut durchweicht, doch das störte ihn nicht.
Er sah sich um. Es war niemand hier. Die einzige Möglichkeit, von hier zu verschwinden, war tatsächlich durch die Kellertür des Klostergebäudes. Doch diese sah merkwürdigerweise nicht so aus, als sei sie in den letzten Jahren von überhaupt irgendjemandem benutzt worden.
Die Kirchturmuhr im nahen Dorf hatte gerade Mitternacht verkündet, die Uhr des Klosters würde gleich nachlegen. Im Takt der tiefen Glockenschläge näherte sich Leander der Tür, in seiner linken Hand hielt er fest umschlossen Annemies kleine, silberne Brosche. Beim zwölften Schlag umfasste seine rechte Hand den Drehknauf. Im selben Moment hatte er das Gefühl, seine Beine würden ihm unter dem Körper weggerissen. Er löste sich buchstäblich in Luft auf, spürte nichts mehr, war nur noch von gleißendem Licht umgeben. Doch nur eine winzige Sekunde hielt dieser Moment an. Dann wurde es schwarz um ihn. Er fühlte seine Füße hart auf dem Boden aufschlagen. Sein Körper war nicht darauf gefasst, weshalb er der Länge nach auf sein Gesicht fiel, sich die Stirn an einem Stein stieß und augenblicklich das Bewusstsein verlor.

Als er erwachte war es noch immer Nacht. Doch es war ruhig. Sehr ruhig. Er öffnete die Augen und widerstand dem dringenden Verlangen, sie augenblicklich wieder zu schließen, als ein stechender Schmerz seinen Kopf erfüllte. Er befühlte die beeindruckende Beule an seiner Stirn. Dann sah er sich verdutzt um. Rings um ihn war freies Land. Er lag auf einem kleinen Hügel, um ihn herum waren merkwürdige Felsengebilde zu erkennen und es roch nach erlöschendem Feuer. In der Ferne konnte er die Umrisse eines Gebäudes ausmachen. Doch es war nicht das Kloster. Es sah aus wie ein von spärlichem Fackelschein erhelltes Hofgut.
Und etwas anderes nahm er ebenfalls wahr. Es dauerte einige Zeit, bis sein Gehirn es einzuordnen vermochte. Doch er war sich ganz sicher, sich nicht zu täuschen. Irgendwo in der Ferne war sie deutlich zu hören. Diese einfache, traurige und auf merkwürdige Art und Weise unheimliche Melodie einer einsamen Flöte in der Nacht, die immer leiser wurde und schließlich erstarb.

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Minutenlang lag Leander in absoluter Stille am Boden und versuchte, seine Gedanken zu ordnen, was ihm jedoch in keinster Weise gelang. Die Kälte der Nacht kroch langsam und unaufhörlich unter seine mittelalterliche Gewandung. Er trug sein Zweitgewand, einfache Kleidung aus dünnem Leinenstoff. Sein Edelmanngewand hatte er bereits nach zwei Tagen Mittelalter-Spektakel geruchstechnisch nicht mehr verantworten können.
Die Beule an seiner Stirn hämmerte rhythmisch einen pochenden Schmerz in seinen Schädel. Er musste sich konzentrieren, um nicht noch einmal das Bewusstsein zu verlieren.
Er sammelte seine Kräfte und setzte sich auf. Dann stellte er sich langsam auf seine zitternden Beine, die sich anfühlten, als hätte man jegliche Muskeln daraus entfernt und sie stattdessen mit Götterspeise ausgegossen. Er sog die Nachtluft tief in seine Lungen. Die Luft roch wunderbar. Nach Blumen und Heu. Und nach tausend anderen, unbekannten Düften.
Er setzte einen Fuß vor den anderen und wankte in Richtung Fackelschein. Je näher er kam, desto mehr nahm er von seiner Umgebung wahr. In die kalte Nachtluft mischte sich der Geruch von Kuhstall und frisch gebackenem Brot. Eine eigenartige Mischung.
Er näherte sich tatsächlich einem bäuerlichen Anwesen. Das große Wohnhaus war im Innern wohl nur mit Kerzen und Fackeln beleuchtet, wenn Leander das matte, flackernde Licht hinter den Fenstern richtig deutete. Rings um das Haus waren weitere Fackeln und brennende Holzscheite aufgestellt. Hinter den Fenstern sah er menschliche Schatten, die regungslos in die Nacht hinaus zu starren schienen. In der Nähe hörte er das Wiehern mehrerer Pferde, sah die großen Umrisse von Scheunen und Ställen.
Mit letzter Kraft erreichte er die Eingangstür des kleinen Hauses. In die Mitte war ein eiserner Türklopfer eingelassen. Er klopfte schwach. Augenblicklich wurde es lebhaft im Haus dahinter. Er sah, wie sich die Schatten an den Fenstern in Bewegung setzten, hörte Stühle, die über den Boden gezogen wurden.
Dann endlich öffnete sich die Tür einen winzigen Spalt. Er konnte in das runzlige Gesicht eines alten Mannes blicken, der ihn angsterfüllt ansah und mit zitternder Stimme fragte:
„Wer seid Ihr und was wollt Ihr?“
Leander antwortete mit letzter Kraft: „Ich bin verletzt…“
Er merkte noch, wie ihn seine Kräfte verließen und er sprichwörtlich mit der Tür ins Bauernhaus fiel. Er meinte noch, mehrere Personen zu erkennen, die sich alle mit dicken Prügeln und Mistgabeln bewaffnet in der Diele versammelt hatten. Dann wurde es abermals schwarz um ihn.

Als er endlich wieder zu sich kam lag er auf einem Lager aus kratzigen Wolldecken in der Ecke der bäuerlichen Wohnstube. Man hatte ihm ein kühlendes Tuch auf die Stirn gelegt. Er hörte leises Getuschel, das augenblicklich verstummte, als er begann, sich zu bewegen. Er setze sich langsam auf und blickte umher.
An einem großen Tisch saßen sieben Personen, die ihn nun im Schein des offenen Feuers, das in einem kleinen Ofen brannte neugierig betrachteten. Er sah den alten Mann, der die Tür geöffnet hatte und einen etwas jüngeren, der ihm sehr ähnlich sah. Vater und Sohn? Eine dicke Frau mit roten Wangen hielt sich am Arm des Sohnes fest. Seine Frau? Und dann waren da noch vier junge Männer verschiedenen Alters, alle groß und kräftig und mit ernstem, verschlossenem Blick. Die jüngste Generation des Hofes? Oder Angestellte?
All das ging Leander durch den Kopf, während er seinen Blick von einem zum anderen wandern ließ. Keiner sprach ein Wort. Leander räusperte sich und sagte mit belegter Stimme: „Ich danke Ihnen allen für…“, er hielt das feuchte Tuch in seiner Hand und blickte auf sein Krankenlager. „Naja, für das hier! Kann ich eventuell mal kurz telefonieren? Ich denke, ich sollte mich mal von einem Doktor durchchecken lassen.“
Er erntete verständnislose Blicke. Die Familie sah sich an. Derjenige, den Leander für den Sohn des Alten und aktuellen Familienvorstand hielt, meldete sich tatsächlich als Erster zu Wort:
„Fremder, Ihr sprecht in Rätseln. Ich weiß nicht, was Ihr meint, aber einen Doktor gibt es nur unten in der Stadt. Und ich weiß nicht, ob Ihr euch einen Besuch bei ihm leisten könnt! Meine Frau Annemarie hat sich um euch gekümmert. Ihr werdet wieder gesund werden. Habt bitte die Güte, uns zu sagen, wer Ihr seid und was Ihr mitten in der Nacht hier gesucht habt. Ich meine, ausgerechnet in dieser Nacht…“
Leander hörte nicht mehr aufmerksam zu. Annemarie? Annemie… Er war ihr gefolgt. Auf dem Spektakel, die Gasse hinter dem „Rostigen Ritter“ entlang. Wie war er in diese Bauernstube gekommen? Er war gefallen. Hierher gewankt. Wo war er?
Der Mann, der mit ihm gesprochen hatte, erhob sich und kam näher, betrachtete Leander genauer.
„Mein Name ist Ludwig. Ihr seid hier auf meinem Hof. Sagt uns bitte, wer Ihr seid. Was ist mit Euch passiert?“
Leander atmete tief durch. Instinktiv blieb er in seiner Rolle des mittelalterlichen, einfachen Mannes als er sagte:
„Mein Name ist Leander. Ich bin… auf der Wanderschaft. Ich kam hier zufällig vorbei und bin gestürzt.“
„Wo sind Eure Habseligkeiten, Leander? Ihr trugt nichts bei Euch, als ihr an unsere Tür klopftet.“
Leander dachte nach. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Seine Sachen waren noch immer in der kleinen Pension. Außer etwas Geld in seinem Brustbeutel nahm er nie etwas mit auf ein Mittelalter-Spektakel. Er konnte nicht antworten, sah sich hilflos um.
„Hat Euch der Flötenspieler erwischt? Er ist hier vorbeigekommen. Wir haben seine Melodie gehört. Heute Nacht scheint der Vollmond, da sind wir besonders wachsam. Niemand geht in einer Vollmondnacht aus dem Haus. Wenn der Flötenspieler kommt sollte man ihm nicht begegnen!“
Leander dachte nach. Eine Flötenmelodie hatte er gehört. Und die Legende des Flötenspielers hatte er auch schon gehört. Im Museum.
„Ja“, antwortete er langsam, nur um überhaupt etwas zu sagen. „Ja, so wird es sein. Der Flötenspieler hat mich ausgeraubt und niedergeschlagen. Ich erinnere mich wieder…“
Man brachte ihm Wasser. Er trank dankbar.
„Sagt, Ludwig, ich komme von weit her und habe nur eine vage Legende über den Flötenspieler gehört. Wer ist der Flötenspieler und warum habt ihr so große Angst vor ihm?“
„Oh, niemand weiß, wer es ist. In Vollmondnächten geht er in der Gegend umher. Er trägt eine schwarze Kutte oder einen Umhang, auf dem Kopf eine große Kapuze, die er sich tief ins Gesicht zieht. Niemand hat bisher sein Gesicht gesehen. Er spielt eine Melodie auf seiner Flöte, um alle zu warnen. Denn wer nicht rechtzeitig vor ihm flieht, der wird von ihm geholt. Und kommt nicht wieder zurück.“
Leanders Kopf wurde klarer. Erinnerungen kehrten bruchstückhaft zurück.
„Aber das ist doch nur eine Legende, Ludwig. Eine jahrhundertealte Geschichte…“
Annemarie, Ludwigs Frau sprang plötzlich auf und rief mit empörter und tränenerstickter Stimme: „Er hat Elisabeth geholt! Er hat unsere Tochter geholt!“

Leander ließ sich die ganze Geschichte erzählen. Vor einigen Jahren schon war die einzige Tochter des Hofes in einer Vollmondnacht ausgerissen und nie wieder zurückgekehrt. Man hatte in dieser Nacht die Melodie des Flötenspielers gehört und seine Gestalt auf dem Weg, der am Hof vorbeiführt ganz deutlich im Mondschein gesehen.
Einer von Ludwigs Söhnen war sich sicher, den Flötenspieler lachen gehört zu haben. Mit gehässigem, unmenschlichem Lachen sei er auf dem Weg gestanden und habe in Richtung Hof geschaut und „Elisabeth gehört nun mir!“ gerufen. Dann habe er wieder seine unheimliche Melodie gespielt und sei weiter gegangen. Elisabeth wurde nie wieder gesehen.
Mit jeder Minute wurde Leanders Kopf klarer. Er begann, Zusammenhänge zu verstehen. Er begann zu begreifen, was geschehen war. Er konnte sich nur nicht erklären, wie so etwas möglich sein sollte. Wahrscheinlich lag er in Wirklichkeit irgendwo im Koma und träumte diesen absurden Traum. Doch alles hier fühlte sich viel zu real an. Und deshalb fragte er, so unbedarft wie möglich:
„Ludwig, welches Jahr haben wir. Ich… Ich bin verwirrt!“
„1312. Glaube ich. Leander, das ist doch jetzt nicht wichtig! Ihr müsst Euch erholen, Ihr müsst unbedingt…“
Leander hörte ihm nicht mehr zu. Irgendwie war er hierhergekommen, in diese Zeit, an diesen Ort, als er Annemie gefolgt war. Und der Flötenspieler war auch in der Nähe gewesen. Er hatte seine Melodie gehört. Und plötzlich wurde ihm heiß – er sprang auf und rief:
„Habt Ihr eine Frau in der Nähe Eures Hofes gesehen? Habt Ihr eine rothaarige Frau gesehen? Ich… Ich war in Begleitung, ich war nicht allein. Ich hatte eine Frau bei mir – habt Ihr sie gesehen?“
Es wurde ihm wieder schwindelig. Er setzte sich. Annemarie kam zu ihm, legte ihre Hand auf seinen Arm und sagte ruhig und mit erschreckend felsenfester Überzeugung in ihrer Stimme:
„Wenn Ihr dem Flötenspieler begegnet seid, dann ist sie verloren. Dann hat er sie zu sich geholt!“

Es war schnell Winter geworden. Die Tage kürzer, die Nächte kälter und schwärzer, Leander verzweifelter und verbissener als je zuvor.
Nachdem er auf Ludwigs Bauernhof eine Nacht und einen Tag lang aufgepäppelt worden war, hatte er sich auf die Suche nach dem Flötenspieler und nach Annemie gemacht. Er war fest entschlossen, Annemie zu finden, zu retten und nie wieder gehen zu lassen. Dass er sich in einer Welt befand, die gar nicht seine eigene war, bemerkte er bereits nach wenigen Tagen nicht mehr. Hier fühlte er sich weit mehr zu Hause, als er es je in seinem alten Leben getan hatte. Ludwig hatte ihm ein paar Vorräte, einige Münzen und ein paar Kleider zum Wechseln gegeben.
„Viel Glück, armer irrer Fremder“, hatte Ludwig gesagt. Und nach einer Pause hatte er ihn ernst angesehen und geflüstert:
„Leander. Wenn Ihr von dieser Reise je zurückkehren solltet, könnt Ihr mir die Schulden zurückzahlen. Ansonsten weiß ich, dass der Flötenspieler auch Euch geholt hat. Oder dass Ihr aus einem anderen Grund nicht überlebt habt. Und… solltet Ihr ihn tatsächlich finden – werdet Ihr auch nach Elisabeth fragen? Für mich?“
Leander hatte es versprochen. Und war seitdem von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt gezogen und hatte nach Annemie und dem Flötenspieler gesucht. Hatte seine Fragen immer und immer wieder gestellt. Hat ihn jemand gesehen? Weiß jemand mehr? Gibt es Gerüchte? Hatte jemand Annemie gesehen?
Er hatte sich als Tagelöhner verdingt, nachts in Ställen und Scheunen geschlafen, bis es dafür zu kalt wurde und er begann, in den schäbigen Wirtshäusern der Dörfer seine Dienste anzubieten, nur um die Nacht in einer kleinen, beheizten Kammer verbringen zu können. Diese Taktik erwies sich allerdings aus einem weiteren Grund als klug, denn er konnte im Wirtshaus viele Gespräche belauschen, viele Informationen sammeln und für sich bewerten, ohne jemanden dafür bezahlen oder bedrohen zu müssen, ohne ständig falschen Fährten nachgehen zu müssen. Und er konnte Gespräche geschickt auf ein bestimmtes Thema lenken, konnte Zungen mit einem Krug Met lockern.
So auch an einem Abend, als die Kälte des Winters erbarmungslos zuschlug, die Schneeflocken im eisigen Wind tanzten und die Scheiben der mit Eisblumen verzierten Wirtshaus-Fenster den Winter kaum noch draußen halten konnten und das flackernde Feuer seine liebe Not hatte, die Wirtsstube zu wärmen.
Es war nicht viel los an diesem Abend. Wer ein Zuhause hatte, war dort. Auch der Wirt hatte keine Lust, die wenigen zwielichtigen Gestalten zu bedienen. Deshalb hatte er Leander heute Abend auch das Feld überlassen. Leander konnte sich das Vertrauen der Menschen erstaunlich schnell verdienen. Diese Fähigkeit hatte sich auch in seinem alten Leben bereits vielfach bezahlt gemacht. Und hier war es noch leichter, mit den richtigen Worten und Gesten die Menschen für sich einzunehmen.
Ein einsamer Bettler saß in dicke Decken gehüllt auf einer Bank in der Ecke und versuchte, so unauffällig wie möglich zu erscheinen. Leander hatte sich ihm genähert. Der Mann erhob sich augenblicklich und murmelte beschwichtigend:
„Schon gut, schon gut, ich geh ja schon…“
Leander hielt ihn an seinem Arm fest und sagte:
„Bleibt. Ihr werdet sonst erfrieren.“
Er stellte einen Krug mit heißem Honigwein auf den Tisch.
„Der geht auf mich.“
Der Bettler strich sich die Kapuze vom Kopf und Leander blickte in ungläubige und dankbare Augen. Trübe Augen in einem faltigen und vernarbten Gesicht.
„Habt Dank.“
Er nahm einen tiefen Schluck.
„Warum?“
Leander stutze und fragte:
„Warum was?“
Ein Lächeln erschien auf dem Gesicht des Bettlers:
„Keiner gibt dem alten Nikodemus einen aus, ohne etwas zu wollen. Also – was wollt Ihr?“
Leander lächelte ebenfalls.
„Stimmt, ich will etwas von Euch. Informationen.“
„Über wen oder was?“
„Über den Flötenspieler.“
„Oha. Darüber weiß ich nichts.“
Schnell nahm Nikodemus noch einige Schlucke. Er befürchtete wohl, Leander würde ihm den Krug wieder wegnehmen. Doch Leanders Herz hatte einen Sprung getan. Er hatte in seinem alten Leben viel mit Menschen zu tun gehabt. Und er wusste, wann sie logen. Und etwas in der Stimme des Bettlers hatte ihm verraten, dass er gelogen hatte. Jetzt nur nichts überstürzen, dachte er bei sich. Interesse zeigen, aber nicht zu viel. Vertrauen aufbauen. Langsam.
„Nikodemus, ich glaube Euch nicht.“
Ein heiseres Lachen war aus dem beinahe zahnlosen Mund des Bettlers zu hören. Ein Verlegenheitslachen. Er wusste nicht, was er erwidern sollte. Leander unterbrach die Stille mit freundlicher Stimme:
„Ich bin Leander. Und ich bin auf der Suche nach dem Flötenspieler. Er hat etwas bei sich, das mir gehört und das ich wieder haben möchte. Könnt Ihr mir helfen?“
Nikodemus sah ihn nachdenklich an.
„Er hat Euer Weib geklaut, was? Da seid Ihr nicht der einzige. Er entführt nur Frauen. Junge Frauen und Mädchen. Alles andere sind Märchen.“
Der alte Mann leerte seinen Krug.
„Ich habe Durst!“ sagte er lächelnd.
Leander lächelte ebenfalls und stand auf, um bald darauf mit einem vollen Krug zurückzukehren. Er ließ seinen Blick noch kurz prüfend über die anderen Gäste schweifen. Sie schienen noch alle zufrieden zu sein. Also ließ er sich wieder auf dem Stuhl gegenüber dem Alten nieder.
„Ja, er hat mein Weib, Nikodemus. Was wisst Ihr über den Flötenspieler?“
Nikodemus atmete tief durch.
„Ich habe ihn gesehen. Er ritt auf einem großen, schwarzen Hengst durch die Nacht. Trug diesen schwarzen Umhang mit der großen Kapuze, die sein ganzes Gesicht verdeckt. Die Flöte hing um seinen Hals. Und er ritt in Richtung des alten Schlosses, in dem dieser merkwürdige Graf lebt. Ihr wisst schon. Einer von denen, die man nie zu Gesicht bekommt. Einer, der unwahrscheinlich viel Geld haben muss, um alle möglichen Leute zu bestechen, nur dass sie ihn in seinen Gemäuern in Ruhe lassen. Einer, dessen Herkunft man nicht kennt und um den sich viele Legenden ranken. Einer, den nicht mal die Bettler belästigen, weil sie die blutrünstigen Gerüchte für bare Münze nehmen.
Aber ich habe es getan, Leander. Ich habe am nächsten Morgen an seiner großen Pforte gestanden und habe geklopft. Eine Frau hat das kleine Guckloch in der Tür geöffnet. Ich habe nach Almosen gefragt. Sie hat jemanden gerufen, wohl den Grafen persönlich. Ich habe nur seine Stimme gehört: ‚Gib ihm etwas, Annemie. Und dann soll er verschwinden.‘ Das hab ich auch gemacht. Ich war froh, wieder weg zu sein. Ich meine… Leander? Ist alles in Ordnung mit Euch?“
Leander packte Nikodemus am Kragen, zog ihn über den Tisch zu sich heran und flüsterte bedrohlich:
„Ich muss jetzt genau wissen, dass du die Wahrheit sagst, Nikodemus. War der Name der Frau Annemie und hatte sie rotes Haar?“
Nikodemus blickte erstaunt.
„Ja, rotes Haar. Genau. Woher…“
„Wann war das?“ unterbrach ihn Leander.
„Och, das ist schon ein paar Jahre her. Bin seitdem nie mehr da hin. Ich meine, einmal Kopf und Kragen riskieren reicht, meint Ihr nicht auch?“
„Ein paar Jahre? Das kann nicht sein…“
Leander sprach mehr zu sich selbst.
„Nikodemus, es ist wichtig, dass du mir noch einmal die Wahrheit sagst: Wie sah diese Frau aus? Kannst du dich erinnern? Annemie, mit den roten Haaren, wie sah sie aus?“
Nikodemus beschrieb sie. Langsam, so konzentriert wie möglich. Leander sank in seinem Stuhl zusammen. Ungläubig. Die Beschreibung dieser Frau glich seiner Annemie aufs Wort.

Das große Tor erhob sich bedrohlich im Schein der untergehenden Sonne über Leander. Es waren einige Tage seit dem Gespräch mit Nikodemus vergangen. Der alte Bettler hatte sich noch genau an die Lage des kleinen Schlosses irgendwo im Niemandsland erinnern können. Leander hatte ihm einige Münzen für eine warme Bleibe in diesem kalten Winter gegeben und viel Glück gewünscht.
Am nächsten Morgen hatte er sich noch vor Sonnenaufgang aus seiner Kammer gestohlen, seine letzten Münzen auf den Tresen gelegt und war mit dem Pferd des Wirtes davon geritten. Er hatte gespürt, dass seine Reise nun zu Ende gehen würde. Ob es ein gutes oder ein schlechtes Ende sein würde, vermochte er noch nicht zu sagen.
Leander hörte Schritte hinter dem Tor des Schlosses, nachdem er energisch geklopft hatte. Das kleine Guckloch in der Tür wurde aufgeklappt. Es war auch dieses Mal eine Frau, die nach seinem Begehr fragte. Doch es war nicht Annemie. Leander sagte mit entschlossener Stimme:
„Ich möchte den Hausherrn sprechen. In einer vertraulichen Angelegenheit.“
„Ich bedaure, werter Herr. Der Graf weilt nicht zu Hause. Er wird erst spät zurück kehren.“
Leander erwiderte ruhig und bestimmt:
„Das macht nichts, ich werde auf ihn warten.“
„Wie Ihr wollt.“
Das Guckloch wurde geschlossen. Leander wartete darauf, dass das Tor geöffnet wurde. Doch vergeblich. Auf sein erneutes Klopfen gab es keine Reaktion mehr. Leander blieb vor dem großen Tor stehen. Und wartete.
Als die Sonne untergegangen war, hüllte er sich in seinen Wollmantel und setze sich inmitten auf der kleinen Brücke, die zum Schlosstor führte auf den kalten Boden. Den Blick hielt er auf den Weg gerichtet, auf dem der Graf nach Hause kommen musste. Kälte und Müdigkeit setzten ihm zu. Er begann, immer wieder für Sekundenbruchteile einzuschlafen. Er sah Annemies Gesicht in seinen fiebrigen Gedanken. Er hatte in dieser Nacht nur ein einziges Ziel: Nicht einzuschlafen, nicht zu erfrieren und auf die Rückkehr des Grafen zu warten.
Wieder war er für Sekunden eingenickt, zitterte am ganzen Leib. Das klappernde Geräusch galoppierender Pferdehufe hatte ihn diesmal geweckt. Vom nahen Waldrand her sah er eine Gestalt auf sich zu reiten. Ein schwarzer Hengst mit seinem Herren, in einen schwarzen Umhang mit großer Kapuze gehüllt. Leander war mit einem Male hellwach, stand auf und wartete regungslos.
Der Reiter kam näher und näher. Nur wenige Meter vor der Brücke bemerkte er, dass jemand auf der Brücke stand. Er verlangsamte sein Pferd abrupt. Der große Hengst bäumte sich auf und kam nur knapp vor Leander zum Stehen.
Leander blickte hinauf. Er sah den Reiter, sah die Flöte um seinen Hals. Der Flötenspieler war nach Hause gekommen.
Und mit einem Mal bemerkte Leander, dass er keinen Plan hatte. Nicht einmal eine Waffe. Er stand nur da, alleine, wild entschlossen. Und chancenlos.
Er wich einen Schritt zurück. Und bemerkte, dass etwas nicht stimmte. Doch Leander war zu aufgeregt, um zu bemerken, was es war.
Der Flötenspieler rührte sich nicht vom Fleck. Hatte seinen Kopf in seine Richtung gedreht, den Blick irgendwo tief im Dunkel seiner Kapuze starr auf Leander gerichtet.
Dieser gab sich einen verzweifelten Ruck, ging wieder einen Schritt nach vorne und sagte:
„Ihr habt etwas, das mir gehört. Ich bin hier, um es mir wieder zu holen!“
Der schwarze Reiter stieg von seinem Hengst. Nur Zentimeter trennten die beiden Gestalten auf der Brücke. Der Flötenspieler hob langsam die Hand und fasste sich an seine Kapuze, zog sie langsam von seinem Kopf. Und Leander blickte in das Antlitz des Flötenspielers.
Und augenblicklich wusste er, was nicht gestimmt hatte – der Flötenspieler war klein und zierlich und roch nach Annemie. Und hatte Annemies Gesicht.
Annemie war der Flötenspieler.

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Leander saß im Speisesaal des Grafenschlosses an einem üppig gedeckten Tisch im Schein des warmen Kaminfeuers und hielt ein kristallenes Glas voll fruchtigem Wein in der Hand. An seiner Seite saß die Frau, die er monatelang quer durchs ganze Land und durch alle Zeiten hindurch gesucht hatte.
Auf der Brücke war er nicht fähig gewesen, zu sprechen. Auch Annemie hatte nicht gesprochen. Sie hatte ihn mit Tränen in den Augen in den Arm genommen und fest an sich gedrückt. So waren sie lange Zeit da gestanden. Dann hatte Annemie gesagt:
„Komm mit mir, ich zeige dir mein Zuhause!“
Sie waren durch das Schloss gegangen, durch lange Gänge und Korridore, hatten große Säle durchquert und viele Zimmer gesehen, die allesamt liebevoll eingerichtet waren. Das Vermögen des Grafen schien unfassbar groß zu sein.
Überall sah Leander junge Frauen geschäftig hin- und herlaufen. In der Küche waren einige damit beschäftigt, verlockend duftende Speisen zuzubereiten. In einer großen Schreibstube waren andere fieberhaft dabei, Dokumente oder Briefe zu verfassen. Wieder andere saßen an großen Webstühlen oder nähten Kleider aus erlesenen Stoffen. Sie alle grüßten Annemie und Leander freundlich – und versuchten, ihre Verwunderung über den ungewöhnlichen Besuch zu verbergen. Ihre Blicke folgten ihnen verstohlen, manche begannen grinsend zu tuscheln.
Im großen Speisesaal dann, als sie endlich alleine waren, hatte Annemie angefangen, Leander ihre Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die so fantastisch klang, dass Leander glaubte, in einem Fiebertraum gefangen zu sein, der langsam auf seinen absurden Höhepunkt zusteuerte.
„Also, dann lass mich noch einmal kurz wiederholen“, sagte Leander langsam.
Seine Gedanken kreisten und versuchten krampfhaft, sich irgendwo festzuhalten und zu orientieren. Doch sie fanden keinen Halt. Die bleierne Müdigkeit und die Anstrengungen der letzten Wochen und Monate forderten langsam ihren Tribut.
„Der Graf ist also schon viele Jahre tot und du lässt ihn als Flötenspieler weiterleben und ihr alle hier bewirtschaftet dieses Schloss und tut… was auch immer ihr hier tut… und du bist hier die Chefin… Warst du denn mit dem Herrn Grafen liiert?“
Annemie blickte traurig zu Boden. Dann sah sie Leander tief in die Augen:
„Nein. Ich war hier nur eine von vielen und habe meine Aufgaben erledigt. Aber ich glaube, wir hatten eine Schwäche füreinander. Keine Schwäche wie Mann und Frau, mehr eine Schwäche wie Schwester und Bruder, auch wenn uns viele Jahre des Alters trennten. Ich bewunderte Graf Johannes für das, was er tat und er mochte mich wohl wegen meiner Stärke und meines unerschütterlichen Optimismus. Das hat er jedenfalls mal so gesagt…“
Sie starrte nachdenklich und etwas verlegen in die Luft.
„Und als er dann starb, hat er mich zu seiner Erbin gemacht. Er dachte wohl, ich wäre die beste Wahl dafür. Ich führe seine Aufgabe weiter.“
Leander räusperte sich.
„Aha, und hier wird es interessant.“
Er erhob sich und machte eine ausschweifende Geste mit seinen Armen. Er fühlte sich, als stünde er kurz vor einem mittelschweren Nervenzusammenbruch. Also fragte er langsam und theatralisch:
„Was zum Teufel treibt ihr Weiber hier? Und warum hat sich der Graf einen schwarzen Umhang umgeschmissen, eine schaurige Melodie geflötet und die Menschen in Angst und Schrecken versetzt? Warum hat er diese Jungfrauen hier ge… ge… ja, gesammelt oder was?“
Annemie griff nach seinem Arm und zog ihn zurück zu sich auf die Holzbank. Sie legte ihre Finger auf seinen Mund und machte „Sch…“. Dann küsste sie ihn zärtlich auf seine Lippen. Leander schloss die Augen. Er sog Annemies wunderbaren Duft ein, legte seine Hand auf ihre Wange und erwiderte ihren Kuss. Dann sahen sie sich lange in die Augen. Bis Annemie schließlich sagte:
„Ich werde dir alles erzählen. Es ist eine lange Geschichte und sie wird deine Sicht auf die Welt verändern.
Schon der Vater des Grafen war ein besonderer Mensch gewesen und hatte sich einer ganz besonderen Lebensaufgabe gewidmet. Aber ein Menschenleben reichte nicht dafür aus, sie zu Ende zu führen. Deshalb hat er seinem Sohn diese Aufgabe übertragen. Und der hat sie mir übergeben. Denn Graf Johannes hatte leider keine Nachkommen. Doch seine Aufgabe muss fortgeführt werden. Immer weiter, solange es nötig ist. Aber das ganze kann ich dir nicht mehr heute Nacht erzählen. Dafür bin ich zu müde. Und du auch. Und ich bin selbst erstaunt, dass du hier bist. Ich dachte, das Tor hätte sich schon geschlossen… Ich dachte, es wäre zu spät… Auch du musst mir erzählen, was passiert ist, Leander!“
Annemie streichelte ihm sanft über seine Wangen.
„Ich werde dir morgen alles erklären. Sei ganz beruhigt. Wir sind hier in diesem Schloss gut aufgehoben, sind in Sicherheit, haben alles was wir brauchen. Wir können uns einfach einige Stunden hinlegen und in einem warmen, weichen Bett ausschlafen und bekommen am Morgen ein stärkendes Frühstück ans Bett gebracht. Vergiss einfach alle Fragen und Sorgen für diese eine Nacht, mein Lieber. Komm mit mir in meine Gemächer und verbringe die Nacht mit mir. Lass mich nicht noch einmal alleine.“

Die Sonne schien am nächsten Tag. Annemie und Leander hatten tatsächlich im Bett gefrühstückt. Eine der vielen Frauen hatte es gebracht. Nicht in der unterwürfigen Art der Dienerinnen, die Leander in den letzten Monaten unzählige Male getroffen hatte. Sondern wie eine gute Freundin, mit bester Laune und in schönen Kleidern. All das verwirrte Leander mehr und mehr, doch er hatte sich an diesen Zustand schon gewöhnt und genoss einfach die Tatsache, dass er in diesem riesigen Himmelbett mit seiner Annemie sein konnte.
Er stand auf und öffnete die hohen Türen zum mächtigen Balkon, der ihm einen atemberaubenden Ausblick auf die noch winterlichen Berge und Wälder in der Ferne bot. Nach den langen Monaten der Entbehrungen, der Unwissenheit, der unsichtbaren Bedrohung befand er sich nun in einem Traum von unendlichem Reichtum, war von Schönheit und Freiheit umgeben. Er atmete tief ein und schloss die Augen. Lauschte den Geräuschen.
Nach dem Frühstück gingen beide dann nach unten und machten einen langen Spaziergang. Sie schlenderten durch die schönen Schlossanlagen mit all ihren Blumen- und Kräuterbeeten innerhalb der Schlossmauern. Und Annemie erzählte:
„Das Leben ist nicht angenehm da draußen. Schon gar nicht für die Frauen. Viele der jungen Frauen und Mädchen suchen nach einem Ausweg aus ihrem sinnlosen und gewaltbestimmten Leben. Und hier bekommen sie eine Aufgabe und können frei und unbesorgt leben. Der Flötenspieler wurde damals von Graf Gustav von Schwarzenburg, so hieß der Vater von Graf Johannes, erfunden. Er rief ihn ins Leben, um das Verschwinden der Mädchen zu verschleiern. Die Menschen haben die Legende des Flötenspielers schnell geglaubt und verbreitet. Somit war es ein Leichtes, die Mädchen hierher zu holen, denn keiner stellte sich dem Flötenspieler in den Weg. Und keiner suchte nach den verschwundenen Frauen. Die Menschen sind sehr leicht zu manipulieren, Leander.
Doch das ist nicht alles. Die Aufgabe der Grafen von Schwarzenburg ist viel bedeutender. Unsere Welt geht zugrunde, wenn sie nur von machtgierigen Männern regiert und gelenkt wird. Mit ihren Kriegsspielen und ihrer unersättlichen Gier nach Reichtum und Besitztümern und Ruhm und Ehre.
Im ganzen Land schleust unser Orden Frauen in die Königshäuser und Regierungen ein, Leander. Diese Frauen schicken uns dann regelmäßig Geld und Dokumente, die wir brauchen, um dieses Schloss und diesen Orden in Ruhe zu führen. Wir haben Frauen in den verschiedensten Positionen. Manche erklären sich bereit, einen Grafen oder Regenten um den Finger zu wickeln, bis er sie heiratet und sie ihn zu ihren Zwecken lenken können. Andere werden darauf trainiert, als Mann durchs Leben zu gehen und selbst in verschiedene Ämter gewählt zu werden. Im ganzen Land und inzwischen auch darüber hinaus haben wir unsere Frauen schon eingeschleust. Doch es reicht nicht, noch lange nicht. Wir sind erst am Anfang. Immer noch werden Kriege geführt, müssen Menschen sinnlos sterben. Wir sind noch zu schwach. Doch wir sind auf dem richtigen Weg. Wir müssen weiter machen, immer weiter und weiter, bis wir dieses Land, diese Welt im Griff haben. Das ist die Aufgabe der Grafen von Schwarzenburg. Das ist die Aufgabe unseres Ordens, das ist die Aufgabe der „Hera Obscura“ und es ist somit meine Aufgabe, die ich bis zu meinem Tode erfüllen werde!“
Leander atmete tief durch. All das hörte sich fantastisch und naiv an. Wie der Kindertraum einer perfekten Welt. Doch in dieser Naivität lag eine einfache und plausible Wahrheit. Aber es erklärte nicht alles. Bei weitem nicht. Viele Fragen formulierten sich in Leanders Kopf. Die erste, die er stellte, war:
„Warum bist du jedes Jahr zu mir gereist, auf dieses Fest? Und vor allem: wie hast du das gemacht?“
„Es ist ein magisches Ritual, das Graf Johannes entdeckt hat. Frag mich nicht, wie. Er hat sich immer gerne mit magischen Dingen beschäftigt. Manchmal auch mit der dunklen Seite der Magie, die mir Angst gemacht hat. Einmal im Jahr jedenfalls, wenn die Sterne und der Mond günstig standen, konnte er diese Reise unternehmen, an diesen merkwürdigen Ort, an dem du lebst. Er hat dort immer viel neues Wissen mitgebracht und die ulkigsten Dinge. Und dann hat er mich auch einmal mitgenommen, mir alles erklärt. Er fühlte wohl, dass er alt wurde. Wollte mich in alles einweihen. Und als er gestorben war, bin ich auch dort hingereist. Und habe dich getroffen. Und habe mich verliebt. Habe mir aber auch gesagt, dass ich hierher gehöre und du dort hin. Wollte dich eigentlich niemals mit dieser Geschichte hier belasten. Bis zu unserem letzten Treffen. Ich konnte nicht anders. Wollte es dem Schicksal überlassen, ob du mir folgst oder nicht. Meine Brosche habe ich absichtlich vergessen, Leander. Nur so konntest du durch das Tor schreiten. Ich habe gewartet auf dich. Doch du bist nicht gekommen.
Ich sah, wie das Tor begann, sich zu schließen, habe gesehen, dass die Bauern in der Nähe auf der Lauer lagen. Da bin ich gegangen. Habe meinen Umhang angezogen, die Melodie gespielt und die Legende des Flötenspielers genährt. In diesem Moment war ich unendlich traurig. Traurig und enttäuscht, dass du nicht gekommen bist. Ich muss dich um Sekunden verpasst haben…“
„Ja“, antwortete Leander. „Ich habe das Tor wohl in letzter Sekunde erwischt. Und ich konnte dir nicht sofort nachgehen, weil ich gestürzt bin – und wohl erst nach einigen Minuten wieder zu mir gekommen bin…“
Sie schwiegen. Annemie dachte nach.
„Sag, Leander, wo ist dieser Ort, an dem du lebst, an dem so viele Wunder geschehen?“
„Wo?“
Leander lachte.
„Frag mich lieber, wann dieser Ort ist…“
Annemie sah ihn unsicher an.
„Das verstehe ich nicht, Leander. Was meinst du?“
„Ach, nicht wichtig. Ich verstehe das alles doch noch weniger als du. Sagen wir einfach, dieser Ort ist in einer anderen Welt, einer Welt, die du nur durch dieses magische Ritual betreten kannst.“
Auch er schwieg für einen Moment. Da fiel ihm das Versprechen ein, dass er Ludwig, dem Bauern gegeben hatte. Er fragte:
„Lebt hier eine Elisabeth bei euch? Die Tochter des Bauern Ludwig?“
Annemie lächelte.
„Nein, sie ist nicht hier. Nicht mehr. Wir haben ihr eine neue Identität gegeben. Ein neues Leben. Sie ist nun adlig, heißt Johanna. War ein hartes Stück Arbeit, das kannst du mir glauben. Im Moment wickelt sie einen französischen Grafen um den Finger und mit etwas Glück, wird sie ihn im nächsten Jahr heiraten. Philipp wird das Land unserer Nachbarn vielleicht einmal regieren. Wer kann das schon wissen…“
Leander dachte wieder nach. Dachte schließlich an das Skelett des Flötenspielers, das man gefunden hatte. Er fragte:
„Sag, Annemie, wo habt ihr den Leichnam des Grafen bestattet? In einem Kloster?“
Annemie sah in fragend an.
„Nein. Wir haben ihn im Feuer bestattet und seine Urne im Schlosshof bei der großen Eiche beigesetzt. So hatte er es sich gewünscht.“
Leander blieb stehen. Die Gedanken fuhren Achterbahn. Der Leichnam des Flötenspielers, den man in seiner eigenen Zeit gefunden und ausgestellt hatte, war nicht Graf Johannes von Schwarzenburg. Der auffallend gesunde und erst in verhältnismäßig hohem Alter verstorbene, geheimnisvolle Mann war jemand anderes. Und die Gewissheit traf Leander wie ein Schlag ins Gesicht. Ein Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus.
„Annemie, hör mir zu. Ich werde euer neuer Flötenspieler sein. Und wir werden ein Kloster bauen. Das Schloss wird irgendwann zu auffällig werden, der Flötenspieler wurde bereits beobachtet, wie er hier her geritten ist. So konnte ich dich finden und so werden uns auch andere finden. Der Tod des Grafen lässt sich auch nicht dauerhaft verleugnen. Wir brauchen eine andere Tarnung, eine andere Identität für diesen Orden. Wir bauen ein Kloster. Ein großes Kloster.“
Seine Augen funkelten in einer Mischung aus Entschlossenheit und Wahnsinn.
„Auf dem Gelände des Hofguts von Ludwig, ganz nahe des geheimnisvollen Ortes, an dem du dein magisches Ritual vollziehen kannst. Und einmal im Jahr werden wir ein großes Fest feiern. Bei Vollmond. So muss es sein. Und so wird es auch sein! Wir werden diesen Orden weiterführen. Als Mann und Frau. Darf ich dein Flötenspieler sein?“
Annemie verstand nicht alles, was er sagte. Doch sie verstand, dass er bei ihr bleiben würde. Dass er ihre Aufgabe mit ihr teilen würde. Und das genügte ihr.
„Ja, du sollst mein Flötenspieler sein“, sagte sie lächelnd.
Leander hielt für einen kurzen Moment inne.
„Du wirst mir allerdings das Flötenspielen beibringen müssen. Und ich möchte eine eigene Flöte haben, mit der ich auch begraben werden will. Und es sollen meine Initialen darin eingraviert sein. Ein L und ein G.“
Er blieb stehen und sah in den Himmel:
„Das steht für Leander den Großen!“

Das Kloster, das Leander und Annemie in den folgenden Jahren bauen ließen wird einmal der Austragungsort eines alljährlichen, mittelalterlichen Spektakels sein. Ein Spektakel, das sich an den Klosterfesten orientieren wird, die Leander und Annemie jedes Jahr ausrichteten. Aber das wird noch viele Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte dauern. Bis dahin wird die Geschichte des Flötenspielers nur noch eine schaurige Legende und das Mittelalter nur noch eine romantische Vorstellung in den Köpfen einiger Verrückter sein. Doch der Orden wird auch in dieser Zeit weiter bestehen und seine Aufgabe erfüllen, seine Agentinnen weiter streuen, bis sie in aller Welt verteilt sein werden, solange es nötig sein wird. Und zwar vollkommen egal, wie lange dies auch dauern wird.

Geht mit offenen Augen durch die Welt, öffnet euren Geist und die Struktur der Welt wird sich euch offenbaren. Und dann werdet ihr die Agentinnen des Ordens „Hera Obscura“ erkennen.

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