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Der Organist

Vor einigen Jahren schickte mich mein damaliger Chef-Redakteur Antony Dickson zu einer „Recherche“ für eine seiner sinnlosen Reportagen in das Niemandsland der südenglischen Provinzen. Ich arbeitete damals als freier Mitarbeiter bei einer zu Recht unbekannten und inzwischen ebenso zu Recht längst vergessenen Zeitschrift namens „Man’s Choice“. Antony Dickson erholt sich momentan wohl wieder einmal in einer Privatklinik von den Folgen seines übermäßigen Alkoholkonsums, wenn ich richtig informiert bin. Ein Wunder, dass er diese Recherche damals nicht selbst unternahm.

Meine höchst sinnfreie Aufgabe bestand darin, für unsere Leser das beste Bier im gemütlichsten Pub an der Südküste zu finden und meine Reise zu dokumentieren. Immerhin könnte ich mir dann endlich wieder einmal die atemberaubende Landschaft der südlichen Küstenregionen anschauen – dachte ich mir damals.
Unser Land ist ja hinlänglich dafür bekannt, dass es die Sonne hier nicht gerade leicht hat, gegen den Dauerregen anzukommen. Ich sollte sie, die Sonne, in meinen zwei Wochen Recherchearbeit auch tatsächlich kaum zu Gesicht bekommen. Nur einmal ließ sie sich blicken. Doch da konnte ich sie aus triftigen Gründen nicht wirklich genießen.
Seit Tagen hatte ich die Abende mit Kneipentouren verbracht. Welch geniale Idee, eine solche Reise alleine und mit Mietwagen durchzuziehen. Morgens hatte ich Kopfschmerzen, mittags war mir schwindlig und abends trank ich weiter. Manchmal schlief ich bis mittags. Von der Landschaft sah ich nicht viel.
An einem der vielen kopfschmerzgeschwängerten Morgen hatte ich dann endlich die Schnauze voll. Ich war um sechs Uhr aufgewacht und konnte nicht mehr einschlafen. Mir war schlecht. Ich ging hinaus und atmete die frische Morgenluft ein. Verfluchter Beruf. Als ob man dieser Reportage auch nur im Entferntesten Beachtung schenken würde!
Es kam wohl kaum darauf an, dass ich all das wirklich erlebt hatte, was ich in meinen Reisetagebüchern schreiben würde. An diesem Tag wollte ich aufhören, abends wie ein verzweifelter gehörnter Ehemann in den Pubs zu sitzen und ein Bier nach dem anderen in mich hinein zu schütten. Ab diesem Tag wollte ich den Rest der Zeit genießen, über Land fahren und mich an all den romantischen Orten niederlassen, die man aus den Reisebüchern kennt.
Und hier wollte ich mit Notizblock und Kugelschreiber sitzen und mir die Dinge ausdenken, die die Leser lesen wollten. Denn darum ging es doch.
Ich setzte mich also in mein Auto und fuhr los. Ich wählte die kleinen Straßen, die in den meisten Landkarten gar nicht mehr verzeichnet sind. Ich fuhr solange, bis ich das Gefühl hatte, weit genug gefahren zu sein.
Ich setzte mich auf eine Bank am Rande eines idyllischen Dörfchens irgendwo im Nirgendwo. Um mich herum grüne Felder, malerische Baumgruppen und schmale Straßen, die die Landschaft wie schwarze Bänder durchzogen. Auf denen aber nie ein Auto zu fahren schien. Was mir in meiner augenblicklichen Verfassung sehr entgegen kam.
Ob dieser neblige Schleier vor meinen Augen noch immer vom Alkohol kam oder ob da tatsächlich Nebel war kann ich im Nachhinein nicht mit Bestimmtheit sagen.
Es war noch recht früh an diesem Sonntagmorgen. Hin und wieder sah ich in der Ferne Menschen über die Dorfstraßen laufen.
Die Bewohner des Dorfes wirkten auf mich wie aus einer anderen Zeit, so wie ich mir die Landbevölkerung in diesem Landstrich vor vielen Jahrzehnten vorstellen würde. Ihre braunen Tweed-Sakkos, Ihre Hüte, Ihre Autos, Ihre Geschäfte. Alles verströmte einen gewissen Charme. Den Charme des Altmodischen, des hinter dem technischen Fortschritt Zurückgebliebenen. Zumindest in dieser Entfernung. Ob es wirklich so war oder ist kann ich leider nicht sagen, denn ich bin niemals näher an dieses Dorf herangekommen.

„Es wird ein Gewitter geben.“ Ich fuhr erschrocken herum. Ich hatte nicht gemerkt, dass ein älterer Herr von hinten an mich herangetreten war. Es sah aus, als kehre er von einem ausgedehnten Spaziergang mit seinem Jagdhund zurück. Seine Gummistiefel waren schlammbedeckt. Aber er hatte keinen Hund dabei. Instinktiv schaute ich mich um, ob das Tier vielleicht von irgendwo her angerannt kam.
„Sie sollten bei einem Gewitter nicht hier sein.“ Er schaute kurz in den Himmel, dann nach rechts zu der hübschen Baumgruppe, die den kleinen Hügel zierte.
Erst jetzt entdeckte ich, dem Blick des alten Mannes folgend, dass sich hinter dem Hügel eine Kirche befinden musste. Die Spitze eines Turmes mit einem kunstvoll verzierten Kreuz ragte in den Himmel.
„Ein Gewitter stört mich nicht. Ich habe ganz in der Nähe geparkt.“ Ich wand meinen Kopf wieder in Richtung des alten Mannes, doch er war längst auf dem Weg ins Dorf. Eine Dogge trottete neben ihm her. Weiß der Teufel, wo das Tier plötzlich hergekommen war.
Die Straßen des Dorfes leerten sich zusehends. Das morgendliche Erwachen endete schon wieder und die Menschen strebten zu ihren Häusern. Der Himmel wurde langsam schwarz. Ein Gewitter zog heran. Der alte Mann hatte Recht gehabt – auch wenn eine solche Vorhersage in diesem Land keine besondere Kunst darstellt.
Als die ersten Tropfen fielen machte ich mich auf, zu meinem Auto zurückzukehren, das ich nur wenige Meter entfernt am Straßenrand geparkt hatte. Ich griff in meine Jackentasche. Mein Schlüsselbund mit dem Autoschlüssel war nicht da. Ich griff in die andere Tasche. Auch hier: Nichts.
Der Regen wurde allmählich stärker, in der Ferne grollte es. Na toll. Hätte ich doch wenigstens nicht meiner Gewohnheit folgend das Auto abgeschlossen, dann hätte ich jetzt wenigstens ein Dach über dem Kopf gehabt.
Inzwischen goss es wie aus Kübeln. Eine gründliche Durchsuchung meiner Hosen-, Jacken- und Rucksacktaschen förderte vieles zu Tage, doch selbstverständlich keinen Autoschlüssel. Ein Blitz bahnte sich krachend seinen Weg durch den nachtschwarzen Himmel und beleuchtete für einen kurzen Moment das Kirchturmkreuz auf der anderen Seite des kleinen Hügels. Was soll’s, dachte ich mir, gehe ich mal wieder beten.
Im Laufschritt hastete ich querfeldein zu den Bäumen auf dem Hügel. Ein paar kleinere Exemplare standen um eine große, mächtige Eiche herum, die hier so fehl am Platze schien wie die Kirche, die ich in der Senke hinter dem Hügel erblickte. Sie war größer, als ich gedacht hatte. Sie sah aus wie eine Miniatur-Ausgabe einer gotischen Kathedrale, ein beeindruckendes Bauwerk mit kunstvollen Verzierungen.
Näher konnte ich sie nicht betrachten, denn der Regen klatschte inzwischen sehr unangenehm auf mein Gesicht und durchweichte allmählich meine Allwetterjacke.
Zum Glück war die Kirche nicht verschlossen. Ich trat ein. Es war zunächst stockdunkel, denn von außen fiel kaum Licht durch die trüben Scheiben. Ich konnte die Sitzbänke vor mir erahnen.
Ein schwacher, sterbender Lichtschein wies mir den Weg zu einem kleinen Seitenaltar, auf dem gerade eine Kerze erlöschen wollte. Andere Kerzen in Plastikbechern standen in Reih und Glied und warteten darauf, entzündet zu werden.
Ich kramte nach einem Feuerzeug und entzündete es. „50 p“ verkündete ein Schild. Ich entleerte mein gesamtes Kleingeld in den kleinen Sammelbehälter und steckte einige Kerzen an. Ihr warmer Schein breitete sich schnell in der Kirche aus.
Ich hatte keine Lust, die Kirche weiter zu erkunden. Außerdem begann ich, zu frieren. Deshalb setzte ich mich in die vorderste Bankreihe und stellte einige der Kerzen um mich herum auf, was bei einem neutralen Betrachter unweigerlich das Bild eines merkwürdigen Rituals hervorgerufen hätte.
Jetzt spürte ich wieder, wie anstrengend die letzten Tage wirklich gewesen sein mussten. Meine Augen drohten, mir zuzufallen.

Eine leise Stimme lies mich hochfahren. Zuerst dachte ich, der alte Mann wäre zurück gekommen, doch er war es nicht. Das Gesicht des Mannes, der sich von hinten zu mir herunterbeugte und ein „Guten Abend“ hauchte war ein anderes. Tiefe Falten gruben sich in seine Haut. In seinen Augen sah ich den Widerschein der flackernden Kerzen.

Er musste einst ein fröhlicher Mensch gewesen sein. Seine Falten sahen aus, als kämen sie von vielem verschmitztem Grinsen und von lautstarkem Lachen. Doch etwas musste ihn im Alter verhärmt haben. Denn sein Gesichtsausdruck war starr. Seine Augen müde. All das schoss mir innerhalb Sekunden durch den Kopf – der geschulte Blick des Klatschreporters.
„Guten Abend“, erwiderte ich. „Ich wollte mich hier vor dem Gewitter schützen. Ich hoffe, ich habe Sie nicht gestört, Mr…“
„Nein, nein. Ich wollte nur ein wenig üben. Mein Name ist Miles Peterson. Ich bin der Organist.“
„Mike Bold. Ich möchte Sie nicht aufhalten…“
Doch da hatte er sich bereits neben mich gesetzt. „Wissen Sie…“, begann er zu erzählen.
Warum alte Menschen diesen wohl unwiderstehlichen Drang verspüren, der „Jugend“ ihre Geschichten aufzuzwängen. Zuerst wollte ich nicht zuhören, doch dann begann mich die Geschichte des Mannes zu faszinieren. Wer weiß, vielleicht würde sie sich auch gut in meinem Reisebericht machen.
„Ich habe Florence als junger Mann kennengelernt, wissen Sie. Es war die berühmte Liebe auf den ersten Blick. Ich war damals in Frankreich gewesen. Das ist übrigens auch eine unglaubliche Geschichte.
Ich begann ja schon als kleiner Junge, auf der Orgel in dieser Kirche zu üben. Mein Vater war auch Organist, wissen Sie. Eines Tages, ich muss so um die siebzehn Jahre alt gewesen sein, kam ein reicher Franzose, ein Adliger oder so etwas, der mit irgendwelchen englischen Aristokraten Geschäfte machen wollte. Er kam über die Felder angeritten, zusammen mit einem Begleiter. Sie gönnten sich wohl nach anstrengenden Geschäften einen kleinen Ausritt und hatten sich weit von der Stadt entfernt. Die Pferde waren zwei wunderschöne schwarze Hengste mit wertvollem Zaumzeug und prunkvollen Sätteln.
Irgendetwas muss an seinem Sattel aber zu Bruch gegangen sein, denn dieser rutschte vom Pferd und der Franzose gleich mit. Da mein Vater ein geschickter Handwerker war, konnte er den Sattel reparieren. Offensichtlich waren sich die beiden Männer so unterschiedlichen Standes und so unterschiedlicher Herkunft auf Anhieb sehr sympathisch.
Was glauben Sie, wie den anderen im Dorf die Münder offen standen, als der gut gekleidete Ausländer mit seinem Begleiter durch die Tür in unser kleines Steinhäuschen entschwand, um mit unserer Familie zu speisen. Meine Frau Mutter versorgte die Blessuren, die der Franzose erlitten hatte.
Er war ein Musikliebhaber. Wir kamen schnell ins Gespräch und er freute sich, dass ein junger Mann wie ich aus der unteren Schicht so viel Liebe zur Musik verspürte. Er bot meinem Vater an, mich für ein paar Monate mit nach Frankreich zu nehmen, um dort mit bekannten Musikern ins Gespräch zu kommen und vielleicht mit neuen Erfahrungen heim zu kehren. Mein Vater erlaubte es.
Er hatte schon immer gehofft, dass ich vielleicht einmal zu größerem bestimmt sein sollte. Wir hatten nicht viel Geld. Wir lebten hier von ein wenig Weidewirtschaft und dem Handwerksbetrieb meines Vaters. Er war der Mann für alle Fälle im Dorf. Die anderen im Dorf verstanden nicht, wie mein Vater seine billigste Arbeitskraft gehen lassen konnte. Naja, jedenfalls… langweile ich Sie?“
Er sah zu mir auf. „Oh nein, keineswegs“, erwiderte ich. Und das war nicht einmal gelogen. Die ruhige Stimme des alten Mannes, das gleichmäßige Plätschern des Regens und die brennenden Kerzen, begleitet von gelegentlichem Donnergrollen, entspannten mich. Ich fühlte mich tatsächlich ein bisschen wie im Urlaub. Endlich. Und eine spannende Geschichte für meine Reportage wurde mir dazu noch auf dem Silbertablett serviert.
„Ich lernte Florence also in Frankreich kennen. Sie war die Tochter eines reichen Mannes. Ihr Vater verbot ihr, sich mit mir zu treffen. Überlegen Sie mal. Ein englischer Bauernjunge, der Musiker werden wollte. Außerdem war sie bereits einem anderen versprochen. Einem Sohn einflussreicher Bankiers. Sein Name war Pierre de la Croix. Wie affektiert allein ein Name klingen kann, finden Sie nicht?
Florence erwiderte meine Gefühle und wir trafen uns heimlich. Eines Nachts nahm sie sich Geld aus dem Versteck ihrer Eltern, packte ein paar Sachen ein und wir rissen einfach aus. Wir wollten hierher in dieses Dorf. Das war eine wunderschöne Zeit. Wir beeilten uns nicht einmal mit der Reise nach England. Wir genossen die Zeit zusammen. Erst nach mehreren Wochen kamen wir hier zu Hause an.
Mein Vater war bereits durch Briefe meines Gönners informiert und schrieb diesem dann nach unserer Ankunft seinerseits einen Brief. Er bat den Franzosen, die Familie von Florence zu überzeugen, dass sie nicht bei mir war und dass ihr Verschwinden andere Gründe haben musste. Wissen Sie, mein Gönner hatte uns in Frankreich ein paar Mal zusammen gesehen und wusste, dass wir glücklich waren und so vertuschte er unsere gemeinsame Flucht. Er konnte die Familie de la Croix auch nicht wirklich leiden, wissen Sie.
Florence und ich waren eigentlich immer glücklich. Florence hatte es schwer, im Dorf akzeptiert zu werden. Mein Vater starb ein paar Jahre nach meiner Mutter und ich wurde der Organist. Die Distanz gegenüber Florence legten die anderen im Dorf nie ganz ab, aber es wurde besser. Sie war als geschickte Näherin bekannt und viele im Dorf kamen ganz gern zu ihr. Es hätte alles so schön sein können.“
Aha, dachte ich mir, endlich. Ich war nämlich langsam in Besorgnis geraten, dass diese Geschichte vielleicht doch keine aufsehenerregende Wendung mehr erfahren würde.
„Wir waren bereits einige Jahre verheiratet. Kinder hatten wir leider nicht. Es hatte einfach nie geklappt.
Da kam ein Fremder in die Stadt. Er sprach mit französischem Akzent. Er nannte sich Pierre Marant. Doch ich wusste, wer er wirklich war. Es war Pierre de la Croix. Ich dachte, er wollte mir Florence wegnehmen. Doch sein Plan war schlimmer, viel schlimmer.
Er ließ sich hier nieder. Er schlich sich in unsere Dorfgemeinschaft ein. Er lebte hier. Und er war beliebt. Ich weiß nicht, wie sehr die Eifersucht und eine unerfüllte Liebe einen Menschen in den Wahnsinn treiben können. Doch er hatte seinem Reichtum, seinem angenehmen Leben abgeschworen, um mir und Florence das Leben zur Hölle zu machen. Er war freundlich zu allen. Auch zu uns.
Doch hinter seinen Augen sah ich den Hass. All die Jahre. Es ist schwer zu beschreiben, wie sich das Leben verändert, wenn man von einer unsichtbaren Bedrohung umgeben ist und nicht weiß, wann die Schlange zubeißen wird, wissen Sie…“
„Warum sind Sie nicht weggezogen?“ Es war das erste Mal, dass ich seinen Monolog unterbrach.
„Naja, das ist noch schwerer zu beschreiben. Das hier ist meine Heimat. Wir hatten nicht viel Geld und ich wollte das Dorf auch nicht zurücklassen in dem Wissen, dass ein wahnsinniger Lügner, dessen Pläne ich nicht kannte, unter ihnen war. Trotz ihres Starrsinns und ihrer Zurückhaltung gegenüber Florence mochte ich die Menschen hier.
Unsere Liebe litt unter diesem Zustand. Doch wir hielten zusammen und standen alles durch. Eines Tages sah ich, wie Florence mit Pierre Marant oder besser: Pierre de la Croix redete. Die Eifersucht packte mich. Ich zog Florence von ihm weg und schrie sie an. Die Dorfbewohner sahen das mit an. Sie wussten natürlich nicht, was zwischen uns los war.
Ich versöhnte mich zu Hause schnell wieder mit Florence. Doch von diesem Tag an beäugten mich die anderen skeptisch. Und zwei Wochen später war Florence tot.“

Der alte Mann machte eine Pause. Ob er das tat, um seinen Worten mehr Gewicht zu verleihen oder weil es ihm nach all den Jahren immer noch an die Nieren ging – keine Ahnung. Seine Stimme klang jedenfalls noch leiser und zerbrechlicher, als er fortfuhr:
„Ich kam nach Hause und Florence saß tot am Küchentisch. Sie war erstochen worden. Das Haus war durchwühlt worden. Doch das hatte Pierre de la Croix nur getan, um das ganze wie das Werk eines Einbrechers auf Beutezug aussehen zu lassen. Doch Reichtümer gab es bei uns nicht zu holen. Ein Einbrecher hätte einen weiten Bogen um unser Haus, um unser ganzes Dorf gemacht.
Florence hatte immer diesen Ring getragen. Ein schmaler, goldener Ring mit einem dunkelgrünen Stein. Sie mochte diesen Ring und er war das einzige, was ihr aus ihrer Zeit in Frankreich geblieben war. Ein Erbstück ihrer Großmutter. Dieser Ring war im Dorf bekannt. Florence zog ihn so gut wie nie ab. Doch er war nicht mehr an ihrem Finger, als der Dorfpolizist den Tatort besichtigte. Man ging davon aus, dass ihn der Einbrecher mitgenommen hatte. Man suchte nach diesem Ring und somit nach dem Einbrecher.
Doch der Ring konnte nirgends auftauchen, denn ich hatte ihn. Ich hatte ihn am Morgen von Florence bekommen, um ihn in meiner Werkstatt wieder einmal glänzend zu polieren. Doch ich ließ die Polizei in dem Glauben, der Mörder habe diesen Ring. Ich weiß nicht mehr genau, warum. Es war mir zum einen egal, denn ich wusste, wer der Mörder war. Und vielleicht habe ich auch eine Sekunde daran gedacht, de la Croix den Ring unterzuschieben. Doch das tat ich nie. Ich trage den Ring seitdem immer bei mir. Hier.“
Er steckte seine Hand in seine Tasche und brachte einen kleinen, unscheinbaren und dennoch wunderschönen Ring zu Tage. Er legte ihn auf die Sitzbank zwischen die Kerzen, wo der dunkelgrüne, facettenreich geschliffene Stein begann, im flackernden Licht zu funkeln.
„All die Jahre erinnert mich dieser Ring seitdem an unsere gemeinsame Zeit. Die nie mehr zurück kommen wird.
De la Croix konnte man nichts nachweisen. Er hat dann eine der sogenannten Dorfschönheiten geheiratet und eine Familie gegründet. Und ich wurde alleine und einsam alt. Damit hatte er erreicht, was er wollte. Er wusste, dass er Florence nie haben konnte, also sollte auch ich sie nicht haben. Und er wollte dabei zusehen, wie ich innerlich zugrunde ging.“
Eine Weile saßen wir schweigend nebeneinander. Der alte Mann atmete tief ein und erzählte mit leiser Stimme weiter: „Ich komme gerne in diese Kirche, wenn niemand hier ist. Dann spiele ich auf der Orgel unser Lied, zu dem wir so gerne getanzt haben. Möchten Sie es gerne hören?“
„Natürlich“, entgegnete ich leise. Warum auch nicht.
Der Organist stand auf und ging in der Kirche nach hinten in Richtung Empore. Im Augenwinkel sah ich es auf der Bank funkeln. „He, halt, warten Sie!“ Er hatte seinen Ring vergessen. Ich nahm den Ring und wollte mich wieder umdrehen, als sich die Seitentür öffnete.

Die Morgensonne schien hell herein und blendete mich. Ich riss einen Arm vor die Augen. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass es aufgehört hatte, zu regnen. Das Gewitter war vorüber.
Ich sah nach hinten, den Mittelgang entlang. Der Organist war nicht zu sehen. Wohl war er schon auf der Treppe, die nach oben zur Orgel führte.
Ich schaute zur Seitentür. Ein junger Mann kam herein. Ich steckte den Ring des Organisten vorsichtshalber in meine Jackentasche.
„Guten Tag“, grüßte der junge Mann fröhlich. „Haben Sie hier Schutz gesucht?“
„Ja, guten Tag, ich bin vor dem Gewitter geflüchtet.“
Der junge Mann lachte verschmitzt. „Ha, und dann ausgerechnet in diese Kirche. Sie sind wohl nicht von hier?“
„Nein, ich bin… ich bin Tourist. Ich… Wie meinen Sie, ausgerechnet in diese Kirche?“
Der Mann kam näher. Er war das Klischee eines jungen Engländers vom Land.  Blond, sommersprossig und hochgewachsen. „Hi, ich bin Marc. Ich bin der Organist.“
Ich stutzte. „Aber ich dachte, Miles Peterson wäre der Organist.“
Marc lachte. „Ha, Sie kennen die Geschichte ja doch!“
„Welche Geschichte?“
„Na, die Geschichte vom Organisten. Kommen Sie, ich muss nur schon mal hoch zur Orgel.“ Marc schritt voran. Mechanisch folgte ich ihm.
„Äh, Marc, ich kenne die Geschichte leider nicht. Können Sie sie mir erzählen?“
Wir betraten die Empore. Da war die Orgel. Aber da war kein Miles Peterson.
„Naja, viel gibt es dazu nicht zu sagen. Miles Peterson war Organist hier, ja, das stimmt. Aber das war Anfang des letzten Jahrhunderts. Damals war er schon ein alter Mann, als man ihn nach Jahren angeblich des Mordes an seiner Frau überführte.
Der damalige Bürgermeister, Pierre Marant, fand einen Ring bei ihm, der bei der Ermordung Jahrzehnte zuvor verschwunden war. Die Gerichte interessierten sich nicht sonderlich für den Fall, der so lange zurück lag und als wirklichen Beweis sahen sie das auch nicht an. Aber Marant hetzte einige Dorfbewohner damals auf und sie lynchten Peterson. Harte Zeiten damals, was?“
Ich nickte mechanisch. „Er war wohl als alter, etwas merkwürdiger und seniler und manchmal auch streitbarer Greis bekannt und manchen ein Dorn im Auge. Sie hängten ihn einfach an die große Eiche, drüben auf dem Hügel, bei der kleinen Baumgruppe. Man behauptete gegenüber der Polizei, er hätte Selbstmord begangen, weil er nicht mehr länger mit der Schuld am Mord seiner Frau leben konnte.
Damals zog ein Gewitter auf, als sie ihn hängten und im Sterben verfluchte Peterson sie alle und er schwor, sie nach seinem Tode heimzusuchen, bis sie alle an seine Unschuld glaubten. Sie lachten ihn nur aus.
Doch von diesem Tag an geschahen merkwürdige Dinge in der Kirche hier. Man hörte bei Gewitter immer mal wieder Orgelmusik aus dieser Kirche. Immer das gleiche Lied.“
Ich musste etwas blass geworden sein, denn Marc fragte besorgt: „Aber Sie glauben doch nicht an solche Geschichten?!“
„Äh nein, natürlich nicht… Marc… es ist nur…“
„Ja, ich weiß, wenn es hier in diesem Landstrich gewittert, dann ist das schon unheimlich. Dann hört man schon mal Geräusche, die gar nicht da sind, sieht Schatten, die niemand wirft. Aber an dem Gerede ist doch nichts dran.
Ich komme aus der Stadt hierher zum Orgelspielen. Und mit wachsender Entfernung zur Stadt verstärkt sich das Gefühl in mir, in eine andere Welt versetzt zu werden. Oder so. Ha! Naja, auf jeden Fall hat sich diese Geschichte in diesem Dorf bis heute gehalten. Die Leute kommen bei Gewitter nicht mal in die Nähe dieser Kirche.“
Er lachte. „Deshalb erspare ich es mir, pünktlich zum Gottesdienst hier zu sein, wenn es gewittert. Die kommen jetzt bald alle aus ihren Häusern gekrochen und marschieren hier her. Der Gottesdienst hätte schon vor einer halben Stunde beginnen sollen. Aber man sieht ja nicht mal den Pfarrer bei Gewitter hier! Ha, schon lustig, wie Glaube und Aberglaube Hand in Hand gehen können, meinen Sie nicht?“
Ich hörte schon nicht mehr richtig zu. Ich verabschiedete mich hastig. Ich musste aus der Kirche verschwinden und erst einmal tief durchatmen.
Draußen sah die Welt schon freundlicher aus. Ich schüttelte meinen Kopf kräftig durch und sog die feuchte Luft ein. Die Morgensonne beschien die saftigen grünen Hügel und der Nebeldampf hing in den Senken und über der Straße.
Ich entschied, dass all das, was soeben in der Kirche geschehen war, nie stattgefunden hatte. Ich versicherte mir selbst in aller Deutlichkeit, dass ich in einer Mischung aus Überanstrengung und Restalkohol im Blut eingenickt gewesen sein musste.

Aus dem Dorf kamen Leute in Richtung Kirche. Ich hatte keine Lust, ihnen zu begegnen und ging auf mein Auto zu. Ach so, meine Autoschlüssel. Hatte ich ganz vergessen.
„Suchen Sie die hier?“ Der alte Mann, der mir auf der Bank schon begegnet war, hielt einen Schlüsselbund in die Höhe. „Sie lagen unter der Bank, auf der Sie eben saßen.“
„Oh, vielen Dank Mr…äh…“
Er schaute mir in die Augen und sagte leise: „De la Croix – Peter de la Croix, nach meinem Ur-Großvater. Er war Franzose.“
Mein Abgang musste stark an eine überstürzte Flucht erinnert haben. Ich stieg in mein Auto, ließ den Motor an und wollte möglichst schnell Abstand zwischen mich und dieses Dorf bringen. Sehr viel Abstand.
Ich schaltete das Radio an und sang lauthals mit. Als die ersten Häuser der nächsten Stadt in Sicht kamen, ging es mir schon wesentlich besser. Ich wollte nach einem Taschentuch greifen und spürte etwas Kaltes in meiner Jackentasche. Ohne Vorwarnung holte mich die Geschichte des Organisten wieder ein. Der Ring!
Ich holte ihn heraus und wollte ihn gerade aus dem Fenster werfen, als mir eine Veränderung auffiel. Der Ring glänzte nicht mehr golden. Er sah unförmig aus, grünlich matt schimmernd und da, wo einmal der funkelnde, grüne Stein gewesen war, klaffte nur noch eine leere Fassung und starrte mich wie das leblose Auge eines Fabelwesens an.
Dieser Ring war alt. Sehr alt.

Ich habe diesen Ring ein paar Tage später dann ins Meer geworfen und mir gewünscht, dass er hinaustreiben und in der endlosen Weite Frieden finden würde.
Genau wie ich wünschte, dass Miles Peterson, der Organist, jetzt endlich Frieden finden würde, da ich um seine Unschuld wusste. Dass seine Seele endlich mit der seiner geliebten Florence vereint sein würde.
In einem Anflug von Tagträumerei sehe ich heute noch manchmal zwei geisterhafte Gestalten in der Luft, die zu leiser Orgelmusik in den Sonnenuntergang tanzen. Aber wirklich nur manchmal.

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