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Die alte Frau und das Zeitglas

Eine alte Frau hatte vom Teufel eine Sanduhr bekommen, in der ihre Lebenszeit als feiner Sand unaufhörlich durch die Gläser rieselte, von oben nach unten, unaufhaltsam.

Jeden Tag schaute die alte Frau fortan auf ihre Sanduhr und freute sich, dass noch so viel Sand im oberen Glase war und ihr Lebensende noch so weit entfernt schien.

Doch mit jedem einzelnen Tag wurde der Sandberg im unteren Glas der Sanduhr höher – und ihre verbleibende Zeit wurde immer weniger. Und weniger. Und weniger.

Wo sie also vor Jahren noch jeden Tag voll Freude auf Ihre Sanduhr geschaut hatte, saß sie nun griesgrämig am Frühstückstisch und fragte sich, wie es hatte passieren können, nein, wie sie es hatte zulassen können, dass der Sand so schnell durchgerieselt war.

Dieser Gedanke beschäftigte sie eine unwahrscheinlich lange Weile, und zwar genau bis zu jenem Tag, da sie merkte, dass der verbliebene Sand nur noch ein Häufchen war und sie keine Chance hatte, das Rieseln aufzuhalten. Voller Wut nahm sie die Sanduhr und schleuderte sie den Abgrund hinunter, direkt in das klare Wasser des Flusses.

Am nächsten Morgen fühlte sie sich besser.

Doch schon am Tag darauf wurde sie nervös und begann, nach ihrer Sanduhr zu suchen. Sie kletterte den Abhang hinab, suchte am Flussufer. Vergebens. Die Angler am Ufer fragte sie: „Habt ihr meine Zeit gesehen? Wo ist meine Zeit nur geblieben? Ich habe sie verloren…“

Sie lieh sich ein Fischerboot und ließ sich den Fluss hinabtreiben, die Augen starr auf das kristallklare Wasser und den Grund gerichtet. Sie sah nichts von all der Schönheit, die sich rechts und links entlang ihrer Reise an den Ufern erstreckte.

Eine unendlich lange Weile später gab sie verzweifelt und verbittert die Suche auf und kehrte nach Hause zurück. Dort wartete der Teufel bereits in ihrer Küche auf sie. Er deutete auf die Tasche ihrer Schürze und sagte:

„Du kannst deine Zeit nicht einfach wegwerfen. Deine Zeit wird immer bei dir sein, ob du es merkst oder nicht…“

Die alte Frau griff in die Tasche und nahm die Sanduhr heraus. So lange hatte sie nach ihrer verlorenen Zeit gesucht, dabei war sie ihr immer treu zur Seite gestanden – sie hätte nur nach ihr greifen müssen.

Und nun konnte sie voll Entsetzen nur noch hilflos zusehen, wie die letzten Sandkörner immer schneller und schneller in das untere Glas der Sanduhr rieselten und wie das letzte Sandkorn sich schließlich auf die Reise machte, um dann endlich auf dem Berg ihrer vergeudeten Zeit zu landen.

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