Alle Texte,  Gedanken

Ein deutsches Gespraech

Es klingelt. Hoch oben auf der großen Eiche, im Haus des Zauberers geht die Türe auf.

„Sie wünschen?“ fragt der Zauberer.

„Guten Tag, mein Name ist Müller. Steuerfahndung. Darf ich reinkommen?“

Der kleine, etwas untersetzte Mann mit viel zu großer Brille und beginnender Glatze im schlecht sitzenden Discounteranzug und der selbst gebatikten Krawatte ist schon lange eingetreten, bis der Zauberer ein überraschtes „Ja, selbstverständlich!“ über die Lippen bekommt.

Noch überrascht, aber dennoch höflich sagt er: „Nehmen Sie Platz. Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“

Herr Müller setzt sich wortlos mit durchgestrecktem Rücken an den Küchentisch, legt einen großen Stapel Papiere auf denselben und antwortet mit überraschend unangenehmer und hoher Stimme: „Nein, vielen Dank. Wir wollen uns nicht mit Höflichkeiten aufhalten. Herr ähm…“, er blickt in seine Unterlagen, „…Herr Zauberer – können Sie sich vorstellen, warum ich Sie besuche?“

Der Zauberer denkt kurz nach und antwortet ehrlich: „Nein, Herr Müller. Haben Sie irgendwelche gesundheitlichen Probleme? Ich braue gute Gesundheitstränke!“

„Aha!“ Ein zufriedenes Grinsen macht sich auf Herrn Müllers Gesicht breit. „Sie geben also zu, dass Sie gewerbsmäßig ohne entsprechende Ausbildung in einem zulassungspflichtigen Heilberuf arbeiten – und ihre Einnahmen hinterziehen?“

Der Zauberer versteht nicht, was gerade passiert und erwidert automatisch: „Wie meinen?“

„Nun, Herr Zauberer…“ Herr Müller deutet mit einer Geste an, dass sich der Zauberer ihm gegenüber an den Küchentisch setzen soll. Wortlos gehorcht der verdutzte Magier.

Der folgende Monolog Müllers wird nur durch gelegentliche, verwunderte Geräusche des Zauberers unterbrochen – die Worte fehlen ihm jedoch:

„Sie haben laut unseren Unterlagen am 23. September des Vorjahres Herrn Gustav Klein einen Gesundheitstrank gebraut, welcher diesen von einem Fußleiden befreite, woraufhin er sich ermutigt sah, Ihnen, Herr Zauberer, Geldscheine im Gegenwert von 75 Euro Komma Null Null zu überreichen. Wir gehen davon aus, dass dies nicht der einzige Umsatz war, den Sie in den vergangenen Jahren generiert haben und haben daher nach der gebräuchlichen Praxis der Finanzbehörde Ihre hinterzogenen Einnahmen geschätzt.

Ihr Alter beträgt laut meinen Unterlagen 325. Wir gehen davon aus, dass Sie ein durchschnittliches Monatseinkommen von ungefähr 1800 Euro mit Ihren Heiltränken generieren können und kommen damit auf einen durchschnittlichen Jahresverdienst von 21600 Euro. Multipliziert mit den angenommenen Jahren Ihrer Tätigkeit von 295 ergibt sich ein gesamtes Bruttoeinkommen von rund 6,3 Millionen Euro.

Davon schulden Sie uns zunächst 19 % Umsatzsteuer, das macht rund 1,2 Millionen. Von den verbleibenden 5,1 Millionen Euro Nettoeinkommen schulden Sie uns dann den Spitzensteuersatz von derzeit 45%, das macht rund 2,3 Millionen Euro. Hinzu kämen dann noch die Zinsen für den Verzug.

Um Ihnen entgegen zu kommen haben wir Ihren Beruf wohlwollend einem Handwerksbetrieb gleichgestellt, um Ihnen die Strafe für die Ausübung eines zulassungspflichtigen Berufes ohne entsprechende Ausbildung zu ersparen. Die entsprechenden Kammer- und Gewerkschaftsbeiträge müssen Sie natürlich nachbezahlen – das wären aber nur runde 45000 Euro.

Summa summarum kämen wir auf einen geschuldeten Gesamtbetrag von exakt 87 Millionen Euro und 80 Cent.“

Eine Pause entsteht. Der Zauberer blickt verwundert auf: „Bitte?“

„Mit einer Anzeige der Staatsanwaltschaft müssen Sie rechnen. Wie gedenken Sie zu bezahlen?“

Der Zauberer blickt noch immer erstaunt in seiner Küche umher: „Was?“

„Sie können selbstverständlich eine Ratenvereinbarung mit mir aushandeln. Wir sind ja schließlich keine Unmenschen… Hä, hähä…“ Es sollte wohl der Versuch eines Lachens sein, doch der Zauberer zuckt unwillkürlich zusammen.

Endlich findet er seine Sprache wieder: „Ich habe keine 87 Millionen…“

„Und 80 Cent.“

„Bitte?“

„87 Millionen und 80 Cent.“

„Ja. Die habe ich auch nicht. Ich habe überhaupt kein Geld. Ich brauche kein Geld. Ich zaubere mir herbei, was ich zum Leben brauche! Die 75 Euro von Herrn Klein habe ich dem Tierheim geschenkt…“

Herr Müller scheint nicht amüsiert zu sein: „Herr Zauberer, sollte diese Aussage der Wahrheit entsprechen, dann haben Sie doch sicherlich eine entsprechende Spendenbescheinigung erhalten.“

Der Zauberer denkt nach. „Nein, ich habe das Geld einfach verschenkt.“

„Nun, in diesem Fall kann ich leider nichts für Sie tun. In wie vielen Raten möchten Sie den geschuldeten Betrag gerne bezahlen?“ Herr Müller blickt ernst über den Rand seines goldenen Kassengestells.

„Bitte? Warum soll ich bezahlen? Ich habe doch gar kein Geld genommen für meine Dienste. Ich mache das aus Menschenfreundlichkeit.“ Langsam bekommt es der Zauberer mit der Angst zu tun.

„Menschenfreu… Wie war das Wort doch gleich?“ Herr Müller scheint irritiert zu sein.

„Menschenfreundlichkeit?“ Der Zauberer blickt fragend.

„Nie gehört. Also, was schreiben wir in das Formular?“ Herr Müller zückt seinen Kugelschreiber.

Der Zauberer folgt einer spontanen Eingebung: „Was ist denn mit dem alten Spruch: Im Zweifel für den Angeklagten?“

Herr Müller versucht sich erneut an einem spontanen Lachen und scheitert kläglich – stattdessen erwidert er: „Sie sind ja ein ganz witziger Bursche. Also, wir sind bereit, Ihnen ein zinsloses Darlehen anzubieten. Schreiben wir einfach: monatliche Raten über 800 Euro in den nächsten 9000 Jahren. Sind Sie damit einverstanden?“

Der Zauberer blickt entgeistert: „Wo soll ich 800 Euro im Monat herbekommen?“

Herr Müller scheint nachzudenken. „Nun, Sie haben recht. In Ihrem Alter haben Sie sich wohl in der Zwischenzeit zur Ruhe gesetzt und sind nicht mehr arbeitsfähig. Da Sie aber nicht in die Rentenkasse einbezahlt haben, scheidet eine Altersrente aus. Bleibt noch die Sozialhilfe mit einem monatlichen Betrag von 500 Euro. Darauf haben Sie selbstverständlich Anspruch.“

„Da fehlen noch 300 Euro.“

Herr Müller beugt sich ein wenig zu dem Zauberer hinüber, seine Stimme wird zum Flüstern: „Naja, ein klein wenig können Sie ja unter der Hand dazu verdienen. Das machen wir doch alle. Ich bin nebenher ja auch noch als GEZ- und GEMA-Fahnder unterwegs…“

Er zögert, schaut sich suchend um, seine Stimme wird wieder geschäftsmäßig: „Herr Zauberer, darf ich gleich im Anschluss noch eine kleine Befragung zu ihren Fernsehgewohnheiten durchführen?“

Mit einem Tritt in den Hintern sieht sich Herr Müller vor die Tür befördert.

„Nana, das ist ja kein Grund, unhöflich zu werden. Aber ich denke, wir sind uns einig. Auf Wiedersehen!“

Herr Müller zieht von dannen. Zu spät fällt dem Zauberer ein, dass er mit einem Fingerschnippen Herrn Müller zu einem kleinen Häufchen Staub hätte zerfallen lassen können, zu dessen wahrer, bestimmungsmäßiger Gestalt also.

„Naja, beim nächsten Mal denk ich dran!“ sagt er zu sich selbst und geht in seine Küche, um sich einen Tee zu kochen.

Auf Herrn Müllers Gesicht hat sich mittlerweile ein zufriedenes Lächeln ausgebreitet, das von seiner tiefen inneren Zufriedenheit und der unumstößlichen Gewissheit herrührt, ein klein bisschen Ordnung in dieses Land gebracht zu haben!

 

[facebook]http://www.michael-kuehn.net/chaosprinzwp/ein-deutsches-gespraech/[/facebook]