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    Tintenschwert

    Worte können Schwerter sein, wie Granaten explodieren – ihre Splitter dringen tief selbst in dickste Köpfe ein. Worte können losmarschieren, sobald sie jemand rief – wie tödlich scharfe Messerklingen stechen sie in kalte Herzen, bohren Löcher ins Bewusstsein, können Riesen niederringen, das Übel dieser Welt ausmerzen, reißen jede Mauer ein. Doch all die Worte helfen nicht und können nichts erbauen, werden Sinn und Zweck verlieren wenn keiner sie je spricht. Jemand muss sich folglich trauen, seinen Zorn zu formulieren, all die Sätze laut zu sagen, harte Worte und die schlauen. Doch alte Narren gibt’s nicht mehr, wer sonst wohl könnt‘ es wagen? Es wird Zeit, sich umzuschauen, es müssen neue…

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    Die alte Frau und das Zeitglas

    Eine alte Frau hatte vom Teufel eine Sanduhr bekommen, in der ihre Lebenszeit als feiner Sand unaufhörlich durch die Gläser rieselte, von oben nach unten, unaufhaltsam. Jeden Tag schaute die alte Frau fortan auf ihre Sanduhr und freute sich, dass noch so viel Sand im oberen Glase war und ihr Lebensende noch so weit entfernt schien. Doch mit jedem einzelnen Tag wurde der Sandberg im unteren Glas der Sanduhr höher – und ihre verbleibende Zeit wurde immer weniger. Und weniger. Und weniger. Wo sie also vor Jahren noch jeden Tag voll Freude auf Ihre Sanduhr geschaut hatte, saß sie nun griesgrämig am Frühstückstisch und fragte sich, wie es hatte passieren…

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    Rad der Zeit

    Junges muss zu Altem werden, jeder Frühling wird zum Winter und auch deines Kindes Kinder wandeln nur begrenzt auf Erden. Was geboren wird muss gehen, Vergangenes kommt nicht zurück, doch jedes Ende wird zum Glück als Anfang  neu entstehen. Denn es dreht sich, dreht sich immer, langsam, sicher, urgemütlich, weiter, weiter, nimmt dich mit sich, wie ein Uhrwerk stoppt es nimmer! In der Sanduhr deines Lebens rinnt der Sand durch deine Hände, bis zum Ende, bis zum Ende. Willst ihn greifen, doch vergeblich, deine Zeit wird sicher enden. Jeder weiß es, jeder weiß es, du bist Teil des Zeitenkreises, sollst den Sand nur nicht verschwenden. Denn es dreht sich, dreht sich…

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    Der Alchemist

    Die Kinder nannten ihn nur „Opa Cornelius“. Vor drei oder vier Jahren war der alte Mann, der sich so merkwürdig altmodisch kleidete, aufgetaucht und hatte sich ein kleines Häuschen am Stadtrand gekauft. Die Kinder in der Nachbarschaft beobachteten bei seinem Einzug, wie er viele merkwürdige Gerätschaften, Möbelstücke und Bilder in sein Haus schaffen ließ. Natürlich hatte Opa Cornelius die neugierigen Blicke der Kinder nicht übersehen – er hatte ihnen hinter seinem altmodischen Monokel zugezwinkert und sich nach einem Blick auf seine kupferfarbene Taschenuhr wieder daran gemacht, die Umzugshelfer zu dirigieren. Damals war es kurz vor Halloween gewesen – und so hatten die Kinder dann auch in der Geisternacht vor der…

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    Dank des Narren

    Des Narren Dank ergeht an euch, wertes Lumpenpack, Gekreuch: Auf dass ihr weiter gern und oft, unverblümt und unverhofft recht viel Dummheit offenlegt – und so den Job des Narren pflegt, Steilvorlagen nett serviert, gnadenlos und ungeniert diese Welt ins Chaos reißt, auf des andren Meinung scheißt, euch benehmt wie Anuslöcher, unbelehrbar noch und nöcher euch in enge Kisten zwängt und andre in dieselben drängt, dabei stets mit ernster Miene auf der Verständnis-Heuchel-Schiene lügt und trügt und ignoriert, was in der Welt um euch passiert! Was wär der Narr nur ohne die, welche voller Idiotie, Unverstand und Penetranz, sonnend stets im eignen Glanz, den Blick vom Größenwahn verstellt, die Geschicke…

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    Das Mädchen und der Wolf

    Einmal hat das kleine Mädchen im Wald einen Wolf getroffen. „Bist du der große, böse Wolf?“ fragte es ängstlich. „Nein“, antwortete der Wolf. „Ich bin seine Gefährtin.“ „Wirst du mich auffressen?“ fragte das kleine Mädchen. Die Wölfin lachte: „Nein, ich habe heute schon gefressen. Außerdem essen wir keine Menschen. Wir fürchten die Menschen. Wir gehen ihnen lieber aus dem Weg.“ „Warum habt ihr Angst vor uns? Wir tun euch doch nichts!“ Das kleine Mädchen war neugierig. „Ihr tut uns nichts?“ Die Wölfin wurde ärgerlich. „Ihr habt uns beinahe ausgerottet, zerstört unsere Lebensräume, nehmt uns unsere Nahrung…“ „Aber ICH habe doch nichts davon getan!“ sagte das kleine Mädchen ängstlich. „Wirklich!“ „Aber…

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    Ein deutsches Gespraech

    Es klingelt. Hoch oben auf der großen Eiche, im Haus des Zauberers geht die Türe auf. „Sie wünschen?“ fragt der Zauberer. „Guten Tag, mein Name ist Müller. Steuerfahndung. Darf ich reinkommen?“ Der kleine, etwas untersetzte Mann mit viel zu großer Brille und beginnender Glatze im schlecht sitzenden Discounteranzug und der selbst gebatikten Krawatte ist schon lange eingetreten, bis der Zauberer ein überraschtes „Ja, selbstverständlich!“ über die Lippen bekommt. Noch überrascht, aber dennoch höflich sagt er: „Nehmen Sie Platz. Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“ Herr Müller setzt sich wortlos mit durchgestrecktem Rücken an den Küchentisch, legt einen großen Stapel Papiere auf denselben und antwortet mit überraschend unangenehmer und hoher…

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    Der Erbe des Königs

    Es waren dunkle Zeiten. In einer dunklen Welt. Das Königreich von Grünbergen befand sich kurz vor dem totalen Untergang. Seit beinahe zwei Jahrzehnten in einem Zustand des kalten Krieges mit den verhassten Nachbarn aus Kupfergrund und ohne Führer. Seit König Odomar bei der letzten großen Schlacht um Burg Sternenmond gestorben war ohne einen Nachfolger zu hinterlassen, kümmerte sich sein Statthalter Gundolf vom Schattenhain mehr schlecht als recht um das Königreich, aber umso mehr um die Vermehrung seines eigenen Vermögens. Vor Jahrhunderten einst waren beide Königreiche vereint gewesen zu einem großen, mächtigen Reich, in dem es den Menschen an nichts mangelte. Seit sich die Gebrüder Hornburg damals jedoch entzweiten und eine…

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    Interview mit Prof. Dr. Ignatius W.

    Eine deutsche Großstadt. Ein Hotelzimmer der gehobenen Mittelklasse. Auf einem Sofa sitzt der Professor und stellt sich den Fragen der versammelten Pressegemeinschaft. Realistisch betrachtet hat sich nur ein Reporter eines drittklassigen Lokalblattes eingefunden. Alle anderen sind leider zeitgleich mit der Berichterstattung der Filmfestspiele beschäftigt und der Frage, die Namen welches Promipärchens man denn noch auf witzige Weise zu einem gemeinsamen Paarnamen zusammenfügen könnte. Da blieben bedauerlicher- und verständlicherweise keine Kapazitäten mehr, um dem Aufruf des Professors zu folgen, der laut eigener Aussage die Lösung gefunden hat. Reporter: „Herr Professor, Sie haben also die Lösung gefunden?!“ Professor: „Ja, das ist korrekt. Nach langen Jahren der Forschung und persönlichen Entbehrungen habe ich…

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    Deine Welt stirbt

    Es ist so, dass deine Welt stirbt – ich muss dir das so sagen, auch wenn es deinen Plan verdirbt ist’s eine Frage nur von Tagen: Wir steuern auf den Abgrund hin mit Sieben-Meilen-Schritten. Wir sollten tief auf unsern Knien die Erde um Verzeihung bitten! Du meinst, dass all die Mega-Schlauen den Ansatz einer Lösung hätten? Du kannst nicht auf die andern bauen, nur du kannst deine Welt retten. Vergiss die Politiker-Affen, die deine Welt zum Ende führ’n – die Natur hat dich erschaffen, du kannst sie in dir spür’n! Zeit, dass man versteh‘n beginnt, dass nicht wer Bäume kuscheln geht nicht mehr richtig tickt und spinnt, weil er die…