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    Schwarzbunt sind die Kühe

    Hi. Ich bin Paul. „Paul“ war damals eine echte Glanzleistung meiner Eltern. Also die Namenswahl. So hieß nämlich mein Opa, der kurz vor meiner Geburt gestorben ist. Hab ihn nie kennengelernt, den Opa. Mütterlicherseits. Bei genauerer Betrachtung hab ich es aber noch ganz gut erwischt – mein anderer Opa heißt nämlich Günther. Der ist noch am Leben und auch ziemlich fit. Und manchmal ist er der einzige in meiner Familie, den ich nicht zum Kotzen finde. Vielleicht, weil er mich noch nie wegen meiner Klamotten, meiner Musik oder meiner Haare genervt hat. Opa Günther hat das irgendwie nie interessiert. Ich helfe ihm manchmal auf dem Hof, da hab ich gar…

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    Für Agathe

    12.01.: Heute haben wir das Gebäude zum ersten Mal betreten. Die letzten Wochen waren die Temperaturen hartnäckig unter dem Gefrierpunkt geblieben und daher lässt sich unser erster Eindruck auch nur mit einem Wort beschreiben: eiskalt. Seit Jahren hatte keiner mehr die Tür zu diesem alten Theater aus dem Jahre 1860 geöffnet. Es hatte die letzten Jahrzehnte leer gestanden. Vor einigen Wochen war es dann plötzlich zum Verkauf gestanden. Für eine lächerliche Summe. Und wir, der Verein zur Förderung der Kultur unserer kleinen Gemeinde, haben tatsächlich den Zuschlag bekommen und uns gegen einen harten Mitbewerber durchgesetzt, der als örtlicher Bauunternehmer das Gelände für einen Parkplatz oder eine Reihenhaussiedlung gut hätte gebrauchen…

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    Der Alchemist

    Die Kinder nannten ihn nur „Opa Cornelius“. Vor drei oder vier Jahren war der alte Mann, der sich so merkwürdig altmodisch kleidete, aufgetaucht und hatte sich ein kleines Häuschen am Stadtrand gekauft. Die Kinder in der Nachbarschaft beobachteten bei seinem Einzug, wie er viele merkwürdige Gerätschaften, Möbelstücke und Bilder in sein Haus schaffen ließ. Natürlich hatte Opa Cornelius die neugierigen Blicke der Kinder nicht übersehen – er hatte ihnen hinter seinem altmodischen Monokel zugezwinkert und sich nach einem Blick auf seine kupferfarbene Taschenuhr wieder daran gemacht, die Umzugshelfer zu dirigieren. Damals war es kurz vor Halloween gewesen – und so hatten die Kinder dann auch in der Geisternacht vor der…

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    Der Elfenbaum

    Irgendwo auf einer einsamen Landstraße riss ihn ein schriller Schrei aus seinen Gedanken. Doch es gab keine Möglichkeit mehr, zu reagieren. Es war zu spät. Seit dem Unfalltod seiner Frau hatte sich sein Leben grundlegend verändert. Geschlafen hatte er seit Tagen nicht. Zur Arbeit war er seither nicht mehr gegangen. Doch das schien keinen zu stören. Man gönnte ihm wohl einige Tage der Ruhe. Sein Gehirn spielte verrückt – wollte ihm die Erinnerung an die Stunden nach der Unfallnacht nicht preisgeben. Er konnte sich nicht an die Sanitäter erinnern, nicht an das Krankenhaus, nicht an den Moment, in dem er realisierte, dass der  wichtigste Mensch in seinem Leben aus demselben…